XXVII

 

 

 

 

Jesperson Andersen ließ das Manuskript mit lautem Klatschen auf den Tisch fallen, etwa fünfzig Seiten Maschinengeschriebenes auf grauweißem Briefpapier, mit vereinzelten Kritzeln und handschriftlichen Fußnoten in burgunderroter Tinte. Er stand vor seinem ‚Werk‘, atmete langsam tief ein und stoßartig wieder aus. »Wenigstens ein Anfang«, murmelte er, während er sich setzte.

Auf der anderen Seite des Tisches saß Lizanne. Lizanne strich sich ihre weizenblonde Strähne, die ihr Gesicht fast zur Hälfte bedeckte, nach hinten über ihre gebräunte, nackte Schulter. Ihre Augen verbargen sich hinter einer übergroßen Sonnenbrille. Sie saß zurückgelehnt auf einem nicht besonders bequemen, armlehnenlosen Klappstuhl aus Schmiedeeisen und lackiertem Eschenholz, von der Art, wie sie oft in Biergärten zu finden sind. Das rechte Bein hatte sie locker über das linke geschlagen und wippte mit dem Fuß auf und ab. Das glimmende Weiße ihrer Zigarette maß kaum noch die Länge des Filters, der zwischen ihren dunkelroten Fingernägeln klemmte. »Darf ich es lesen?«, fragte sie, und sah Andersen ins Gesicht. Dabei ließ sie die glühende Aschespitze noch einen Atemzug lang aufleuchten, bevor sie den Stummel tupfend in den Aschenbecher drückte. Fast ein wenig fordernd streckte sie ihren Arm zum Papierstapel hin aus.

Andersen erwiderte ihren Blick kurz mit zusammengekniffenen Lippen. Er hob die Augenbrauen und versuchte mit seiner Gesichtsgestik nicht gleich zu offenbaren, dass, und vor allem wie ihr vermeintliches Interesse an dem neuen Romanfragment, das hier vor seiner Nase lag, sein Ego doch streichelte. Bedächtig hob Andersen den Stapel mit den handgeknickten Blättern daraufhin wieder vom Holzbohlentisch und warf einen weiteren hinauszögernden Blick auf das erste Blatt, um damit etwas zu offensichtlich eine Art tiefgründige Nachdenklichkeit auszudrücken. Er reichte Lizanne schließlich das Manuskript. Genaugenommen warf er ihr den gehefteten Papierstapel wie eine alte Zeitung entgegen. »Natürlich, Sie sollten es ja wenigstens lesen, wenn Sie nun so etwas wie meine Lektorin sind«. Dabei betonte er das Wort Lektorin fast mit einer gewissen Abfälligkeit. »Aber, wie ich schon sagte, es ist wirklich noch nicht der Rede wert«, murmelte Andersen beinahe vorauseilend entschuldigend hinterher.

Lizanne überging seine Bemerkung und widmete sich sogleich konzentriert den altpapiergrauen Seiten, die sie nun in ihren Händen hielt.

Andersen, hielt sich sein Kinn, wie meistens, wenn er nachdachte. Er strich dann mit Daumen und Zeigefinger durch seine kurzen, weißgrau melierten Bartstoppeln, abwechselnd von der Mitte zu den Wangen und wieder zurück. Dabei streckte er sein leicht fliehendes Kinn soweit er konnte vor und studierte aufmerksam ihre Reaktion, während sie las. Er versuchte die Bewegungen ihrer Mundwinkel zu deuten, was ihm aber nur unzufriedenstellend gelang.

Lizanne ließ sich bis jetzt noch keine deutbare Lippenbewegung anmerken.

Das Schweigen, das sich damit einstellte, wurde für Andersen plötzlich erdrückend und mit jeder Minute unerträglicher. Er hörte nicht einmal mehr das an diesem Ort allgegenwärtige, lautstarke und ihn sonst immer erdende Vogelgezwitscher. Er nahm auch den Wind nicht war, der durch die Baumwipfel hoch über dem Blockhaus raschelte. Es beschlich ihn kurz ein Gefühl, als sei er ein Prüfling, der sein Thema nicht gelernt hat und nun, vor der Dozentin mit der strengen Brille sitzend, seine Zensur erwarten muss, oder wie ein Angeklagter vor der Richterin, oder der Patient im Wartezimmer vor der Verkündung der Diagnose.

Aber Lizannes Brille war keineswegs streng, noch war sie hier, um über jemanden zu richten und schon gar nicht trug sie etwa einen weißen Kittel. 

»Möchten Sie noch einen Kaffee?«, unterbrach er schließlich die ihn quälende Stille und stand mit seinem leeren, lilafarbenen Keramikbecher in der Hand auf.

»Gern, mit etwas Milch bitte«, antwortete Lizanne. Andersen lächelte ihr zu, ihren Blickkontakt suchend. Ohne ihn anzusehen, schob sie ihre Kaffeetasse in seine Richtung und blätterte weiter zur nächsten Seite.

Andersen hob die Tasse auf, nuschelte ein kaum hörbares »...‘n gleich zurück« und verließ den Tisch. Dann verschwand er hinter der Türjalousie im himmelblau und weiß getünchten Chalet.

Die Zeilen, die mit den Worten „Die einzige Schere, die in ihrem Apartment zu finden war...“ begannen, waren seit geraumer Zeit endlich wieder ein Beginn einer neuen Erzählung, die Andersen zu Papier bringen wollte und auch musste. Es war schon über drei Jahre her, seit der Buchautor Jesperson Andersen seinen letzten Kurzroman veröffentlichte. Zwölf Novellen und zwei Kurzgeschichtenbände sind unter seinem Pseudonym erschienen. Damit war er längst kein Bestsellerautor und seine schmalen Bücher prangten selten auf den Aktionsregalen der einschlägigen Buchladenketten. Dabei mag es auch so sein, dass die Literaturfachverkäuferinnen sich oft schwer taten, Andersens Erzählungen in eine passende Abteilung einzuordnen.

Er selbst wollte diese Buchrücken mit dem Kürzel SBSI am Liebsten im Thriller- und Krimiregal finden. Leser entdeckten ihn in der Regel in der meist nur ein Regal breiten und häufig unauffällig neben dem Esoterikregal platzierten Abteilung, in der Geschichten für Erwachsene zu finden waren. Andersen war kein Krimiautor. Die kriminalistische Tiefenschärfe in seinen Handlungsträngen entwuchs, wenn überhaupt vorhanden, selten dem Stadium der Trivialität, aber irgendwie traf er mit dem Treiben und den Trieben seiner Protagonisten das Sehnsuchtszentrum eines festen Leserstammes. Laut einer internen Verlagsstatistik sollten angeblich mehr als dreiviertel seiner Leser weiblichen Geschlechts sein. Dies erschien zunächst erstaunlich, war doch Andersens Frauenbild durchaus nicht unumstritten. Nicht selten wurde ihm vorgeworfen, dass die Männer in seiner Phantasie ausschließlich auf eine dominante, unterwerfende Rolle festgelegt wären, während die Frau in buchstäblich jeder Geschichte hilflos wäre, demütig, meist gefesselt würde, und bestraft werden solle. Andersen empfand diese ihm gern zugewiesene Schublade als oberflächlichen Quatsch. Er hasste es, solche verallgemeinernden Kritiken über seine Arbeiten von Leuten zu lesen, die seine Gedanken offensichtlich nicht verstanden haben. Das jene militanten RezensentInnen ihn überhaupt nicht verstanden haben können, war ihm offensichtlich zu erkennen, sonst wären sie schließlich unmöglich zu solchem Fehlurteil gelangt. Obwohl er fest entschlossen war, solche ihm derart profan erscheinende Kritik an sich abprallen zu lassen, konnte er nach deren Kenntnis den eigenen Zweifel an der eigenen Qualität nie wirklich ersticken. Dennoch, er wurde durchaus zahlreich gelesen, und diese Tatsache sollte ihm schon eine ausreichende Selbstbestätigung sein, trotzdem gewann der Selbstzweifel in ihm früher oder später Oberhand. Ein Teufelskreis der ihn allzu oft in einen neuen Strudel der tiefen Inspirationslosigkeit führte.

 Aber es half nichts, seine Ressourcen neigten sich dem Ende zu, kurzum, es musste nun wieder Geld her. Andersen war gezwungen, wieder zu schreiben. Dieser Umstand war natürlich zweifelsohne alles andere als eine besonders erschöpfende Motivationsquelle. Seine divenhafte Arbeiteinstellung Andersen quälte sich nun schon tagelang an diesem ersten Kapitel. Jede Seite davon hat er getippt, umkonstruiert, wieder gestrichen und noch einmal abgeändert. Von der ursprünglichen Idee, dem initialen Gedanken, der ihn eines Donnerstagmorgens zu diesem ersten Satz mit der Schere führte, wollte er sich weitertragen lassen. Er spürte in diesem einen Moment eine ungeheure Motivation, etwas Ungeschriebenes, etwas Klischeefreies, etwas für seine Leser Fesselndes zu erschaffen. Wenn er doch diese Motivation hätte festhalten können. Aber genauso unvermittelt, wie sie ihn befiel, schien ihm die Inspiration beim Schreiben auch wieder aus den Fingern zu entrinnen. Er stocherte stundenlang in unfertigen Halbsätzen und abgeschliffenen, emotionsuchenden Wortkonstuktionen. Schon den ganzen Sommer lang, der in diesem Jahr besonders heiß war, genau genommen aber schon seit dem Herbst des vorletzten Jahres fühlte er Scheuklappen im Blickfeld seiner Kreativität. Seine Sätze klangen mechanisch, sie trugen kein Gefühl in sich. Seine Phantasie schien an manchen Tagen geradezu kastriert. In den kühlenden Nächten betrank er sich mit billigem Rotwein und starrte dabei stundenlang in den alten, tragbaren Röhrenfernseher, der zu jeder Tageszeit, quasi als sein Fernrohr zur Außenwelt, in der Ecke flimmerte. Anstelle seine Konzentration zu suchen, ließ er sich des Nachts von destruktiver Bildgewalt berieseln, und schlief danach schlecht, meist bis in die Mittagsstunden. Der Zündfunke der Inspiration, den er so dringend brauchte, um zu fühlen und weiter schreiben und beschreiben zu können, wollte einfach nicht überspringen. Er konnte, so er denn wollte, einfach nicht abschalten. Das letzte, was er jetzt dazu noch gebrauchen konnte, war Lizannes Kritik.

»Oh, das ist lächerlich, Sie wissen ja, dass das hier völlig unmöglich ist. Jesper, was schreiben Sie denn hier?«, rief sie ihm in die Hütte hinterher.

Andersen hatte gerade die Milch zurück in den alten, brummenden Kühlschrank gestellt und war mit beiden Kaffeetassen schon wieder auf dem Weg nach draußen auf die Veranda.

Ohne vom Text aufzublicken, rümpfte Lizanne über das gerade Gelesene immer noch kopfschüttelnd ihre etwas flach und ein klein wenig zu breit geratene Nase. Dabei zog sie ihre Stirn in v-förmige Fältchen, die sich auch nicht glätteten, als er ihr den aufgebrühten Kaffee mit etwas Milch servierte.

»Und ob es möglich ist«, antwortete er mit gedämpfter Stimme, und stellte sich an den Rand der überdachten Veranda, die von vier handbreiten Kanthölzern gestützt und rechts und links von einem frisch in weiß gestrichen Holzlattenzaun umgrenzt wurde. Zwischen den beiden mittleren Stützbalken befand sich kein Zaun. Davor führte eine dreistufige Treppe hinab zum Garten. Andersen stütze sich auf den Verandazaun und richtete seinen Blick über die Freiterrasse hinaus in den verwachsenen Garten. Unter dem zimmergroßen Sonnenschutz aus angegrautem Segeltuch, der vor dem Chalet über der Sitzgruppe aus elfenbeinfarbenem Rattan gespannt war, blieb es am Nachmittag angenehm kühl, trotz der Schwüle dieses Tages. Kurze Windböen rauschten immer wieder durch die handtellergroßen Ahornblätter hoch über ihm. Es sah ganz danach aus, dass es später am Abend Gewitter geben könnte.

Ohne dass er nachsehen brauchte, auf welcher Seite sie gerade las, wusste er genau, dass es die Stelle mit dem Hosenknopf sein musste, welche ihren ungläubigen Protest auslöste. »Die weibliche Anatomie ist gelegentlich zu ganz unglaublichen Verwindungen imstande«, sinnierte er in Richtung des wilden Grün dieses verwucherten Gartens. Lizanne blickte für einen kurzen Moment mit einem eben diese Ungläubigkeit ausdrückenden Augenaufschlag von ihrem Text auf. »Niemals, Ihr Fräulein DY ist ja wohl keine chinesische Gummipuppe, oder?«

»Das könnte eine Möglichkeit sein, aber nein, eine Gummipuppe ist sie nicht, und sie ist auch kein kindliches Turnküken aus Rumänien.«

Andersen drehte sich zu seiner ihn lesenden Lektorin hin, ging um sie herum, um sich daraufhin in den weiß lasierten Schaukelstuhl zu setzen, der ein wenig abseits von Tisch am Rand der Veranda stand. Ohne es zu beabsichtigen streifte er mit seinem Arm nur ganz leicht, aber deutlich spürbar, ihre Schulter, als er sie passierte. Es war nicht mehr als eine zufällige Berührung, eigentlich nur ein Lufthauch.

Der alte Tisch hier auf der Veranda war aus schwerem, balinesischem Teakholz gefertigt und glich schon fast einer mittelalterlichen Tafel. Er maß beinahe drei Meter in der Länge und zeigte sich von der Witterung schon gezeichnet. Das Holz war rauh und inzwischen mit einer graubraunen Patina überzogen. Beim Vorbeigehen hatte Andersen mit den Fingern wieder über die Holzkante gestrichen, wie er es immer tat, wenn er an diesem Tisch entlang ging, fast so als kommuniziere er mit dem Möbelstück. Er erinnerte sich nun gerade wieder daran, dass er unter anderem auch jenes Vorhaben, diesen Tisch in diesem Frühjahr neu zu ölen, noch nicht erledigt hatte. So viele Dinge waren nicht erledigt.

Andersen hielt seinen Kaffeebecher in der Hand, während er in seinem am Boden knarrenden Schaukelstuhl langsam hin und her wippte. So wie er wippte, nippte er kurz hintereinander kleine Schlucke von seinem Kaffee, und dachte einen Augenblick darüber nach, wie es doch wäre, wenn ihm nun einfiele, seine junge blonde Erstleserin, die er aus der Distanz nun wieder aufmerksam taxierte, einfach so von ihrem Klappsitz auf den Tisch zu heben, sie rücklings auf der langen Tischfläche zu fixieren und ihr ganz langsam mit einer solchen einzig vorhandenen Schere, von welcher sie gerade in dem Manuskript las, ihr smaragdfarbenes Trägertop aus Bio-Seide und ihre weiße Dreivierteljeans vom Körper zu schneiden. Er malte sich einen Moment lang aus, wie es doch wäre, wenn ihr danach noch vorhandener BH mit einem einzigen kurzen Schnitt zwischen den Körbchen seine Spannung verlore und ihre nicht gerade unüppigen Brüste freigäbe. Er fragte sich: Würden sich zwei steile, runde Hügel, zwei Halbkugeln wie von Wackelpudding vor ihm erheben, oder würde ihr jugendliches Dekolleté zu flachen Pfannkuchen, über ihrem Brustkorb in die Breite fallen? Er wägte auch ab, ob es der Dramaturgie dienlich sein könnte, ihren BH nicht sogleich einfach nur durch einen Schnitt zu öffnen, sondern vielmehr zuerst langsam jedes Körbchen um ihre Nippel herum auszuschneiden, um diese dann wie zwei Türchen am Adventskalender zu öffnen. Er spielte in Gedanken durch, wie seine Handfläche mit sanftfestem Griff über ihren Lippen liegen würde, ihren Protest zu knebeln. Und wie er die entlarvende Feuchtigkeit in ihrem schließlich auch zerschnittenen Slip erfühlte, bevor derselbe zur geschmackvollen Füllung zwischen ihrem aufgesperrten Kiefer würde. Andersen dachte an die Metallösen, die er letztes Jahr unter dieser Tischplatte am Rand entlang ins Holz getrieben hatte, und wie nützlich sie nun werden könnten.

Er dachte immer nur bis zu diesem Punkt. Nie dachte er weiter. Seine Bildphantasie endete hier. Er dachte nie an das Danach, nur selten an das Warum. So also besann er sich darauf auch diesmal darauf, wieder aufmerksam und bei der Sache zu sein, und abschweifende Gedankenreisen, die jeglichem Realismus schlichtweg fern waren, zu beenden. Er begann, die hin und her tanzenden Pupillen in Lizannes grünlich schimmernden Augen zu fixieren. Erst nur unterbewusst, dann aber konzentriert

Zum Lesen hatte sie ihre Sonnenbrille mit den übergroßen Gläsern hoch in ihr Haar geschoben. An ihrer Schläfe und auf ihrer Nase haben sich einige winzige Schweißtropfen gebildet, die seine Aufmerksamkeit aber nicht von ihren Augen abzulenken vermochten.

Andersens üblicher Beobachtungsweg mit dem er in einem fremden Gesicht las, begann seit jeher zuerst immer an den Lippen. Wenn er sich mit jemandem unterhielt, dann verfolgte er dessen Mundbewegungen, als müsste er jedes Wort einzeln von den Lippen ablesen. Von dieser Regel gab es bisher kaum Ausnahmen, eigentlich nur eine Einzige. Emma Karos Augen. In Emma Karos Augen war er geradezu aufgefordert, jede ihrer Gefühlsregungen abzulesen. Emma Karos tiefgrüne Augen fesselten seinen Blick, selbst noch dann, als Emma Karos Lippen ihn umschlossen.

Andersen schaute nun erneut, ein weiters Mal, in ein Paar grüne Augen. Für einen Moment erschien es ihm wie ein Déjà-Vu und doch waren Lizannes Augen ganz anders. Lizannes Grün in ihren Augen war viel heller. Je nachdem wie das Sonnenlicht von ihrem hellen, etwas wild fallenden Haar reflektiert wurde, changierte ihre Augenfarbe von einem turkisblau in eben dieses hellgrün in das er jetzt sah, die Iris ihrer Augen war von einem hauchdünnen, dunkelblauen Rand begrenzt. Wenn man noch genauer hinsah, dann konnte man ganz merkwürdig glitzernde, bernsteinfarbene Sprenkel um Lizannes Pupillen herum erkennen, und Andersen glaubte auch er konnte erkennen, wie das tiefe Schwarz ihrer Pupillen begann, dem hellen Grün Terrain abzutrotzen, während sie in seinen Zeilen las. Wenn sich ihre Pupillen weiten, dann gefällt ihr, was sie gerade liest, dachte er bei sich.

Andersen strich sich über den Arm an der Stelle, mit der er gerade ihre Haut berührte. Es erschien ihm, als wirkte die Berührung nach, als würde ihre Haut seinen Arm immer noch streifen. Dieses Phantomgefühl erweckte in ihm eine Ahnung davon, wie hungrig seine Haut sein musste. Es wurde ihm impulshaft offenbar, wie begierig er nach Körperberührung war, und dass sein Gedankenausflug von gerade eben kein launischer Zufall war. Nachdem er die Tage und Wochen der Enthaltsamkeit hier draußen damit verbrachte, sich einzureden, dass es ihm an nichts zu fehlen habe, elektrisierte ihn dieser eine beiläufige Kontakt von Hauthärchen zu Hauthärchen. Er empfand ein merkwürdig entfachtes Brennen in sich, ein Verlangen, welches den abstinenten Kettenraucher zum erlösenden Griff zur Notfallzigarette hinter Plexiglas verleiten würde.  

Andersen stand auf. Plötzlich, fast energisch machte sein Schaukelstuhl einen Satz nach hinten und Andersen stand. Für einen Moment war es auffällig still. Selbst die Vögel in den Bäumen schienen plötzlich stumm zu sein. Dann schritt er den langen Weg langsam außen um den Tisch herum.

Lizanne ließ sich dadurch vom Lesen ablenken, schaute überrascht zur Hälfte auf und verfolgte ihn aus ihren Augenwinkeln. Als er genau hinter ihrem Stuhl stehen blieb, hatte sie ihn aus ihrem Blickfeld verloren. Sie legte das Manuskript auf den Tisch, nahm ihre Kaffeetasse, nippte einen kurzen Schluck davon und richtete ihre Aufmerksamkeit mit erwartendem Seitenblick auf Andersen hinter ihr. Entgegen ihrer Erwartung passierte aber zunächst gar nichts. Lizanne war gerade geneigt, sich umzudrehen, als sie an ihrer Schulter doch plötzlich die Nähe von Andersens Fingerspitze verspürte. Sie blieb regungslos mit Blick nach vorn sitzen.

Mit sanftem Druck ließ Andersen seinen Fingernagel an ihrem Arm herab wandern und stoppte am Ellenbogen.

 »Mr. Andersen...?« Lizanne flüsterte, hauchte seinen Namen beinahe.

Andersen antwortete ihr nicht. Mit seiner freien Hand strich er ihr Haar, das sich in langen Locken über ihren Rücken schlängelte, wie einen Vorhang zur Seite und nach vorn über ihre Schulter.

Fast augenblicklich neigte Lizanne daraufhin ihren Kopf leicht nach vorn.

Nun waren es Andersens Pupillen, die sich weiteten. Sein Unterbewusstsein wollte in dieser Geste, mit der sie ihm ihren Nacken präsentierte, sogleich eine gewisse Bereitschaft, ja fast den Ausdruck eines latenten Gehorsams erkennen. Es mag sein, dass es genau dies war, was ihn ermutigte, fortzufahren. Er strich dabei zuerst nur ganz leicht über ihren Haaransatz und kämmte mit dem Handballen den kaum sichtbaren, hellblonden Härchenflaum, der sich wie Feldlinien über ihre mattbraune Haut zwischen ihren Schulterblättern ausbreitete.

Schließlich packte er sie. Als hätte sich in seinem Kopf ein Schalter umgelegt, packte er Lizanne mit beiden Händen an ihren Ellenbogen und zog ihre Arme um die Stuhllehne herum, presste sie zusammen und hielt sie hinter ihrem Rücken eng aneinander. Lizanne konnte dabei kaum sitzen bleiben, sie musste sich weit vorbeugen, um dem Druck nachzugeben. Andersen hatte nicht einmal besonders viel Kraft aufzuwenden, um ihre Arme hinter ihrem Rücken soweit zusammen zu führen, dass diese sich tatsächlich berührten. Er konnte schließlich sogar ihre Ellen mit einer Hand umgreifen und mit einer gewissen Leichtigkeit, etwa mit dem Druck eines freundschaftlichen Händeschüttelns, zusammenhalten.

»Unglaubliche Beweglichkeit, ich wusste es doch«, murmelte er. Andersen zog Lizanne, derart im Griff haltend, von ihrem Stuhl hoch. Sie richtete sich auf, sodass sie vorgebeugt auf ihren Füßen zum Stehen kam. Lizanne ließ sein Spiel lautlos zu, wenn man vom dumpfen Poltern ihres dabei umgestoßenen Klappstuhles absieht. Zu seiner Überraschung kam kein Ton der Entrüstung, kein überraschter Aufschrei über Lizannes Lippen. Andersen hätte mindestens einen Schrecklaut oder ein kurz herausgepresstes ‚Hmm‘ oder wenigstens ein ‚Autsch‘ erwartet. Das hätte ihn vermutlich sogar dazu veranlasst, sie gleich wieder loszulassen. Aber so hielt er ihre Arme weiter fest umgriffen.

Als Lizanne fast aufrecht stehen konnte, drehte sie ihren Kopf und schaute Andersen über ihre Schulter ins Gesicht. Sie schien tatsächlich keinesfalls überrascht oder gar erschreckt zu sein. Vielmehr präsentierte sie ihm ein schmallippiges, schelmisches Grinsen, in welchem nur die vorderste Spitze ihrer Zunge zwischen zusammengepressten Lippen herausglänzte. Es hatte den Anschein, als wäre Andersens plötzliche Investigation ihrer Flexibilität etwas, das ihr überhaupt nicht unangenehm wäre, etwas dass ihr nicht einmal ungelegen käme, etwas das sie vielleicht sogar im Kalkül hatte?

Andersen ging daraufhin weiter in seinem Spiel. Er drückte instinktiv fester zu und hob ihre Arme langsam höher. Automatisch musste sie ihren Körper vor, über den Tisch beugen. Er forderte Lizanne weiter. Ihre Arme ragten inzwischen steil nach oben und Andersen sah ihre Brüste schon fast die Tischbohlen berühren, als sie plötzlich doch damit begann, seinem Treiben Widerstand entgegenzusetzen.

Langsam stemmte sich Lizanne gegen Andersens Umklammerung. Er hielt sie weiter fest, aber zu seiner Verblüffung richtete sie sich aus der Waagerechten heraus auf. Und das mit offensichtlich spielerischer Leichtigkeit. Sie konnte dabei ihre umgriffenen Arme deutlich über einen rechten Winkel hinaus überdehnen. Sie erreichte schon fast eine Position, die selbst Andersen anatomisch kaum für möglich gehalten hätte.

Soweit überrascht von dem, was sie ihm darbot, ließ Andersen seinen Griff lockerer, geradezu als fürchtete er, sie sonst zu zerbrechen.

Mit einer schnellen Drehung nach links um ihre Achse konnte Lizanne Andersens Überraschungsmoment ausnutzen und sich seiner Umklammerung entreißen. Lizanne lachte ein betontes ‚Haha‘ heraus und stand nun an den Tisch angelehnt, ihm zugewandt, vor ihm.

Ihr Grinsen von eben erschien ihm noch ein wenig frecher als zuvor und hatte nun zudem auch noch etwas Triumphierendes hinzubekommen. Beinahe kampflustig blitzten Lizannes grüne Augen Andersen an: »Haben Sie sie auch hierher gebracht?«, fragte Lizanne unvermittelt mit leicht schnippischem Unterton.

Andersen zuckte augenblicklich zusammen, Er riss die Augen blitzschnell auf und haspelte prompt, fast ein wenig hastig, ein kurzes »Auch hierher gebracht? Wen?« zurück.

Lizanne lächelte verschmitzt und genoss Andersens sichtbare Verblüffung. »Ihre Muse.«, ergänzte sie.

Andersen schwieg zunächst, und schürzte seine Lippen, überlegte sichtbar unbehagt eine ganze Weile lang und unterbrach dann aber schließlich doch die Konversationspause: »Wie kommen Sie darauf, dass ich eine Muse hätte?«

Lizanne kreuzte ihre Handgelenke und streckte ihre Arme vor, ihm entgegen. »Man sagt, Sie hätten Ihre besten Werke in Gegenwart einer Frau geschrieben, und zwar immer dann, wenn diese sich vor Ihnen in Fesseln gewunden hätte.«

Andersen schluckte einmal. »So?« fragte er mit hochgezogenem ‚o‘. »Sagt man das?« Er lehnte sich zurück an den Verandazaun, blickte kurz stumm zu Boden, und dann wieder zu Lizanne: »Was soll das, Lizanne? Wollen Sie sich bei mir für eine Anstellung als Muse bewerben? Oder worauf wollen Sie hinaus?« Seine Stimme war leise aber fest, sein Ton ernst. Er klang mehr ärgerlich als verunsichert, was Lizanne wiederum überraschte und sie veranlasste, ihre ihm kurz zugestreckten Arme gleich wieder herunterzunehmen.

Lizannes Hände suchten Griff in der Tischkante an der sie angelehnt stand.

»Was wissen Sie von der Inspiration, Lizanne?« Andersen legte eine fast abfällige Betonung auf das ‚Sie‘. Er schien sich in der Rolle des tiefgründigen Schriftstellers zu gefallen, die er hier gerade einübte. »Was wissen Sie schon von der Inspiration? Sie junges Ding.«, wiederholte er mit theatralischem Mienenspiel.

»Etwas, was ich wohl sicher darüber weiß ist, dass sie Ihnen abhandengekommen ist«, entgegnete Lizanne schließlich mit einem geradezu schon vorwurfsvollen Tonfall. »Die Muse und auch die Inspiration, offensichtlich.«

Härter aber gleichzeitig auch indirekter hätte Lizannes Kritik Andersen kaum treffen können. Er war darauf eingerichtet, dass sie die Langatmigkeit seiner Syntax rügen könnte. Er hätte erwartet, dass sie an der Schlüssigkeit seines Handlungsstrangs auszusetzen hätte. Aber dass sie, dieses junge Ding, ihm, dem Schriftsteller, die Keimzelle seines Schaffens, seine Inspiration, sozusagen in einem Nebensatz, abzusprechen vermochte, das traf ihn wie ein schmerzhafter Dolchstoß in sein Selbstwertgefühl. Das besonders Stechende daran war, dass sie ja Recht hatte. Das wusste niemand sonst besser, als Andersen selbst. Es war müßig, sich etwas vorzumachen und die Schaffensleere vor dem eigenen Ich zu leugnen. Soviel war ihm selbst längst klar geworden. Aber er hatte sich trotzdem erhofft, dass seine sich selbst mühsam abgerungenen Ergüsse in Druckerschwärze diese Tatsache nicht gleich der ersten Leserin quasi im ersten Satz offenbar werden ließen. Ein Trugschluss, wie es nun erschien.         

Andersen wendete sich ab. Er erwiderte nichts. Er schwieg. Er schritt langsam die Veranda entlang zum kurzen Ende des Tisches, drehte dort um und kam wieder zurück. Vor ihr blieb er stehen. Sein Blick stocherte in die Leere. Dann bat er sie, sich auf den Tisch zu setzen. »Ich möchte Ihnen gerne etwas zeigen, Lizanne«, sagte er ihr. »Bitte setzen Sie sich einmal hier hoch«, fuhr er fort, ohne ihr ins Gesicht zu sehen, ohne ihre grünen Augen zu tangieren. Sein Ton klang nun leise, seine Stimme fast sanft. Seine Finger klopften zweimal fordernd auf das Holz der Tischplatte.

Lizanne tat, was von ihr gewünscht wurde. Einen kurzen Moment lang war ihr danach, so etwas wie ‚Oh Captain mein Captain‘ zu murmeln, aber sie blieb still und hob ihren Po nur mit einem Satz hinauf auf den Tisch. Neugierig abwartend ließ Lizanne ihre Beine baumeln, während Andersen in die andere Richtung blickte, so als wollte er sich scheinbar intensiv auf etwas konzentrieren. Eine ganze Weile beobachtete sie den ulkigen Haarwirbel, der auf Andersens Hinterkopf die Grenze zwischen graumeliertem Resthaar und gebräunter Kopfhaut markierte, bis sie die Stille schließlich mit zwanghaft weiblicher Neugier unterbrach. »Was möchten Sie mir zeigen, Jesper?«

Andersen drehte sich zu Lizanne und sah sie an. Es schien ihr, als musterte er sie, als würde er irgendetwas an ihr suchen oder vergleichen. Dann aber hob er den umgestoßenen Klappstuhl auf und stellte ihn sorgfältig vor ihren Füßen an den Tisch. Dabei sah er sie weiter an. Schließlich nahm Andersen direkt vor ihr auf dem Stuhl Platz, und sah sie weiter nur an.

»Erzählen Sie mir etwas über mich, Lizanne.«

»Wie bitte?«

»Sagen Sie mir, was Sie über mich wissen, oder was sie glauben, über mich zu wissen. Was hat man Ihnen über mich erzählt?«

Lizanne kicherte verlegen und reichte mit ihrer Hand zu ihrer Kaffeetasse neben ihr. Dabei setzte sie ein kindlich daheralberndes »Hmmm..« in seine Richtung ab, um vielleicht anzudeuten, dass sie seine Frage eigentlich nicht ernsthaft beantworten wollte. Sie hatte erwartet, dass Andersen sie bezüglich ihrer selbst befragen würde, woher Sie käme und warum sie ihn unbedingt sehen wollte. Darauf hatte sie sich Antworten zurechtgelegt. Während sie zeitschindend mehrmals kurz an ihrer Kaffeetasse nippte, schluckte und ihre Oberlippe mit der Unterlippe abwischte, hat Andersen ihren linken Fuß zu sich gezogen und begonnen den Schnürsenkel ihres Segeltuchturnschuhs zu öffnen. Langsam streifte er ihr den Stoffschuh vom Fuß und ließ ihn auf den Boden fallen. »Nun erzählen Sie schon«, forderte Andersen Lizanne erneut auf, während er ihr auch ihren anderen Turnschuh öffnete, auszog und ihre strümpfigen Füße nunmehr über seinen Knien abstellte. Er hielt ihre Fußgelenke mit beiden Händen auf seinen Oberschenkeln zusammen und schaute sie abwartend an. Lizanne lächelte und verfolgte neugierig mit langgestreckem Hals, was er an ihrem zweitschönsten Ende anstellte. Sie sagte aber nichts. Andersen rollte nun erst den einen und dann den anderen ihrer weißen Söckchen aus gekämmter Baumwolle mit den schmalen, violetten Ringeln langsam hinunter über ihre Knöchel. Er schob seine Hand unter ihren Fuß, ließ sie so ihre Fersen anheben. Er forderte die Haltung ihrer Füße in einen imaginären Highheel, hakte seinen Finger in den Stoff, spannte das bereits Aufgerollte langsam und enblößte die Kontur ihres Sporns, die Linie ihrer Ferse. Andersen schob den Stoff langsam weiter herunter bis zur turkisfarbigen Sockenspitze, die nur noch das Dekolleté ihrer Zehen verdecken vermochte. Seinen Zeigefinger drückte er nunmehr mit sanftem Druck in ihre Fußsohle, um sie noch steiler in die Zehenspitzenhaltung auszurichten und in dieser Position verharren zu lassen, während er mit den Fingernägeln seiner linken Hand vom Knöchel abwärts entlang der Innenseite ihres Fußes abtastend auf und ab fuhr. Dabei fixierte er wieder ihre Lippen, und ließ sich offensichtlich nicht davon abbringen, eine Antwort auf seine Frage zu erwarten.

Lizanne musste ihren Kitzelreflex unterdrücken, wollte aber keinesfalls ihre Füße kichernd zurückziehen. Sie entschied sich, eine Art Ablenkungsmanöver zu versuchen, oder anders ausgedrückt, für die Flucht nach vorn: »Man hört, Herr Andersen soll überdurchschnittlich gut ausgestattet sein«, erwiderte sie schließlich, stellte ihre Tasse neben sich auf dem Tisch ab und lehnte sich entspannt auf ihre Arme stützend zurück. Lizannes Mimik wechselte im Sekundentakt.

Ihrem nun wieder herausfordernden Blick begegnete Andersen jedoch nicht mehr. Er beobachtete fortan ihre durchgestreckten Füße auf seinem Schoß, mit den sauber gerollten, mädchenhaften Ringelstrümpfchen an den Zehen. »Ich habe wirklich befürchtet, dass Sie größere Füße haben. Aber wie ich sehe, Sie haben ja nicht einmal eine Achtunddreißig.« Andersen überging  ihre  unvermittelte Bemerkung über die angebliche Größe seines Penis also, indem er im Konter das ihm gerade nächstgelegene Detail ihrer Körperproportionen thematisierte. Sein natürliches Bedürfnis an männlicher Selbstbestätigung scherte sich allerdings einen Teufel darum, das Gehörte ignorieren zu wollen. Andersen fühlte sich ungewollt geschmeichelt. Es liegt offenbar in der Natur des Mannes, aus einer beiläufigen Aufmerksamkeit bezüglich der Ausmessungen seines primären Geschlechtorganes regelmäßig mehr Selbstvertrauen ziehen zu können, als beispielsweise aus der gesellschaftlichen Anerkennung seiner Geistesleistung.

Lizanne presste ihre Zehen nun fest auf Andersens Oberschenkel. Sie wollte die letzten Zentimeter der Enthüllung, die zum Barfuß noch fehlten, ganz offensichtlich nicht kampflos freigeben.

Andersen schaute ob ihres nachdrücklichen Widerstandes mit fragendem Blick zu ihr hoch.

»Achtunddreißigeinhalb, aber die Nägel sind nicht gemacht«, antwortete sie mit einem aufgesetzt entschuldigendem Tonfall. Es liegt offenbar in der Natur der Frau, dass ihr ein angekratzter Zehenlack regelmäßig mehr Schamesröte ins Gesicht treibt, als der Parkrempler vom letzten Wochenende.

Zugegeben, es ist ein wahrlich klischeebehafteter und nicht nur im Wortsinne ein geradezu dämlicher Vergleich, zu dem sich der Erzähler hier mit einem für Sie gerade unsichtbaren Schmunzeln hinreißen lässt. Als Leser sind Sie womöglich geneigt, in diesen Worten gar einen Ansatz von Chauvinismus zu erkennen, welcher dem Erzähler aber, seien sie dessen versichert, völlig fern liegt. Allerdings, so muss man als Leser wissen und schlußendlich auch hinnehmen, befindet sich der Erzähler dieser Szene in einer vermeintlich komfortablen Situation, diejenige nämlich, dass ihm die Handlung dieser Geschichte wie an der Leine geführt zu folgen hat, dass sie ihm sozusagen mithin sklavisch zu Füßen liegt, was folglich bei einem Betrachter von außen bisweilen Befremden, unter Umständen sogar Unverständnis auszulösen vermag. Trotzdem ist dieser Umstand keineswegs als eine dem Autor zugemessene hedonistische Vogelfreiheit zu verstehen, sondern birgt vielmehr eine nicht unerhebliche Verantwortung dem Papier gegenüber, auf welchem die Geschichte gedruckt ist, und welches Sie gerade in den Händen halten.

Wäre er, unser Erzähler, ein nüchterner Realist, ein Verfechter der investigativen Reportage, so würde er nun höchstwahrscheinlich beschreiben, wie Andersen die cremeweißen Tennissocken an Lizannes hornhautüberzogenen Fußsohlen langsam und mit einem deutlich erkennbaren Ausdruck der Resignation wieder über ihre Fersen hochzieht, ihre Füße von seinen Schenkeln hebt und einmal mehr in seinem Leben vor einer Situation, die er in seinem Innersten eigentlich herbeisehnte, noch bevor sie sich entfalten konnte, die Flucht ergreift. Aber würde dies genügen, der Verantwortung des Erzähles gegenüber dem Papier gerecht zu werden? Wohl kaum.

Wäre unser Erzähler hingegen ein träumender Phantast, vielleicht sogar ein Poet seiner Libido, so dürfte er die Lust verspüren zu beschreiben, wie Andersen die nackten Fesseln seiner jungen Besucherin wie von Animalismus besessen ergeifen muss, um erst ihren einen und dann den anderen ihrer kleinen, schmal geformten Füße, hinauf zu seinen bartumrangten Lippen zu führen. Dorthin, wo er mit seinen Zähnen langsam nacheinander die fast transparenten, aus seidener Spitze gewebten Söckchen von den Zehen seiner Gespielin zu ziehen vermag, um darunter blassroten Nagellack, natürlich ohne erkennbaren Makel, zu entblößen. Der Phantast, der in unserem Erzähler wohnte, wäre sich wahrscheinlich auch nicht nicht zu vornehm, an dieser Stelle das blumige Duftgemisch, Andersens Nüsteln umwehend, als ein aphrodisierendes Duell aus Weichspülparfum und warmer Hautfeuchtigkeit zu beschreiben. Ein Odor, der in der Tageshitze im Stoffschuh zu reifen begann, und sich gerade auf der Schwelle von Duft zu Geruch befunden hätte. Aber seien Sie ehrlich, wäre dies nicht ein Quentin zuviel an Zumutbarkeit für den Leser im Sinne der vorgenannten Verantwortung für die Grundlage dieses Erzählstranges? Vermutlich ja.

Lizannes Fuß, so muss an dieser Stelle klargestellt werden, war nämlich keineswegs schmal. Schmal waren lediglich ihre Knöchel und ihr Fußrücken. Ihre Fußballen hingegen waren deutlich ausgeprägt. Ihr großer Zeh war wirklich groß. Sie selbst mochte ihre eigenen Füße, genau genommen ihre Zehen, nicht besonders. Ihren linken, großen Zeh hasste sie geradezu. Offene Sandaletten zu tragen, war ihr ein Graus und in schmale spitze Pumps zu schlüpfen, vermied sie, wo sie nur konnte.

Andersen hingegen war sichtlich fasziniert. Er studierte die ausgesprochen s-förmige Linie an ihrem Innenfuß in diesen Minuten sehr genau, die sich, genau aus dem vorgenannten Umstand entstehend, vom Fußballen zum Spann bis hin zu ihrer Ferse erstreckte. Wie lange, wie viele Minuten es wirklich waren ist nicht abgestoppt worden. Jedenfalls fuhr er eine Zeit lang schweigend, vorgeblich nachdenkend, augenscheinlich fast in Meditation versunken mit dem Finger genau an dieser Linie immer wieder auf und ab. Dabei drückte er seinen Daumen an scheinbar willkürlichen, aber immer gleichen Punkten in ihren Spann und strich innen über die Ferse.

Langsam ließ sich Lizanne auf die Wirkung der Berührungen ein. Lizanne ahnte bisher mit keinem Gedanken, dass es genau diese spezielle Proportion ihres Fußes sein könnte, die eines jemanden Aufmerksamkeit im Wortsinne erregen konnte. 

»Elmer Batters hätte seine wahre Freude an Ihren Füßen gehabt, wissen Sie das?«

»Wer?«

»Ein Fotograf.«

»Meinen Sie? Meine Füße? Mein Gott, ich habe doch Hammerzehen.« Andersen merkte bei ihrem letzten Wort kurz auf, während er ihren Fuß weiter massierte. 

»Er hätte Ihnen Nylonstrümpfe angezogen und sie dann ihre Turnschuhe wieder anziehen lassen.«

»Und dann?«

»Dann hätte er Sie fotografiert. Auf ihrem Fahrrad oder im hohen Gras hier vorn.«

»Ach, hier vorne? Und wie?« Lizanne hielt sich eine Hand ins Haar und mimte grienend eine alberne Pose.

»Nackt.«

»Ach so, na wenn er sonst nichts verlangt«, kicherte sie. »Und ich fürchtete schon, ihr Kollege wäre so ein schmutziger Perversling.« Lizanne strich sich das Haar aus dem Gesicht und grinste spitzbübisch in Andersens Richtung.

Andersen war von ihrer Art unbeschwerter Frechheit angetan. Er musste ebenso grinsen, während er weiter massierte.
 »So einer, der immer nur an stinkigen Mädchenfüßen riechen will«, lachte Lizanne heraus und führte ihren gerade nicht massierten Fuß prompt direkt auf Andersens Nase.

Andersen blieb regungslos vor ihr sitzen.

Sie streifte die über ihren Zehen noch aufgerollte Socke an Andersens Nasenbein ab und klemmte seine Nase zwischen ihrem großen, dem hässlichen, und ihrem zweiten, dem längsten Zeh ein.

Andersen hätte sich, so wie jeder andere Mensch es getan hätte, einfach wegdrehen können, aber er blieb still, ließ ihren schweißfeuchten Fußballen auf seinen Bartstoppeln zu und ließ sich auch vom massieren ihrer anderen Fußsohle nicht abbringen.

Lizanne nahm ihren Fuß aber gleich darauf von allein wieder von seinem Gesicht, so wie ein Kind, das merkt, dass sich das andere nicht ärgern lässt. Sie schmollgrinste Andersen dabei an und lehnte sich wieder zurück. »Weitermachen, bitte!«, hauchte Lizanne gleich darauf ihrem unverhofften Privatmasseur zu. Sie legte ihren Kopf gleichwohl in den Nacken und schloss genusserwartend die Augen.

Andersen massierte indes weiter.

Das Nichts, das Lizanne vor Augen hatte, als sie die Lider schloss, war deutlich weißer als gewöhnlich.

Lizanne war eine junge Frau mit gesegneter Gesundheit, wäre da nicht der Reitunfall mit sechzehn Jahren gewesen, der sie beinahe für immer in den Rollstuhl befördert hätte, welcher sich nunmehr aber zu ihrem Glück nur noch in mehr oder weniger regelmäßigen und mehr oder weniger schmerzhaften Rückenschmerzen in ihre Erinnerung drängte. Im Augenblick spürte sie überhaupt keinen Schmerz. Weder im Rücken, noch sonst irgendwo in ihrem Körper. Andersen schien einen magischen Punkt zu massieren, von welchem ein warmer Strom sie gerade wohlig durchfloss und dessen Wirkung sie in diesem Moment auf keinen Fall abbrechen lassen wollte. »Sie haben wunderbare Hände, Jesper«, schwärmte Lizanne und hielt die Augen sichtlich entspannt weiter geschlossen.

Andersen schätzte Lizannes Alter auf etwa fünfundzwanzig Jahre. Er bemerkte sofort eine Art Geschmeidigkeit, die in ihren Bewegungen und ihren Körperreaktionen zum Vorschein kam. Es gefiel ihm. Er bekam soetwas wie Feedback. Es war wie akute Harmonie, was die junge Frau und den alten Mann hier auf der knarrigen Holzveranda gerade umhüllte.

»Legen Sie sich zurück, Lizanne, legen Sie sich auf den Rücken«, forderte Andersen seine ihn genießende Massagepatientin unvermittelt auf.

Lizanne willfuhr sogleich, wie von ihr gewünscht. Sie stütze sich zurück auf ihre Ellbogen und rollte sich nach hinten ab. Ihr Kopf erreichte nun fast die gegenüberliegende Tischkante. Ihr Haar fiel dabei in wilden Locken koronagleich um ihren Kopf herum. Die eine Hälfte schien sich wie Strudel vor einer Klippe zu kräuseln, während das üppige Restblond wie das rauschende Wasser des Wasserfalls über die Tischkante hinab fiel. Das weiße Nichts vor ihren geschlossenen Augen wurde noch etwas weißer.

»Vielleicht haben Sie recht, Lizanne«, sinnierte Andersen nach einigen Momenten windhauchumströmter Ruhe. »Vielleicht kann eine Muse helfen.« Er knetete inzwischen abwechselnd ihre beiden Fußsohlen, wanderte zur Ferse und weiter bis zum Knöchel. »Vielleicht kann Ihre Beweglichkeit helfen, Lizanne.« Nach jedem Satz legte Andersen eine Sprechpause ein, während er sein Drücken und Kneten Stufe um Stufe intensivierte.  »Vielleicht kann Ihr Zerren, oder wie nannten Sie es vorhin, Ihr Winden, wirklich inspirieren.«

Lizanne reagierte auf seine Hypothesen nicht. Sie sah sich dazu momentan nicht mehr in der Lage. Seine Massage musste es gewesen sein, die sie langsam, ohne dass sie es bemerkte, in diesen Dämmerzustand geführt hatte. So erklärte sie sich ihren Zustand. Sie war tiefenentspannt. Sie wollte dem Gespräch folgen, aber es gelang ihr nicht, auch nur ein einziges Wort zu entgegenen. Es schien, als hätte er sie in eine tiefe Hypnose massiert. Ein völlig absurder Gedanke, aber die Realität fühlte sich genau so an. Sie schien zu keiner Bewegung imstande. Sie empfand Wärme, sanfte Wellen von kribbelnder Wärme, die durch ihre Adern flossen. Sie hörte nun nicht mehr, und sah auch nicht mehr. Unaufhaltsam dämmerte ihre Wahrnehmung dahin, wurde eindimensional, verebbte mehr und mehr, bis sich das gleißende weiß vor ihren Augen langsam in ein tiefdunkles nachtschwarz umkehrte.