XXVI

 

 

DY

von Jesperson Andersen (sbsi)

Kapitel 1

 

 

Die Dame mit den Initialen DY schob den Schubladenauszug des alten Chippendale-Sekretärs wieder zu und hielt eine Schere in der Hand. Es war die einzige Schere, die in ihrem Apartment zu finden war, ein älteres, schon mit etwas Rost besetztes Exemplar. Diese einzige Schere war hoffnungslos stumpf und in ihrem Gelenk schon so ausgeleiert, dass sich das blickdichte Gewebe damit kaum zertrennen lassen wollte, welches sie zu trennen gedachte. Dabei musste die Dame mit den Initialen DY besonders vorsichtig einschneiden. Es galt nämlich, die rautenförmige Naht am Rande des Schnittweges unter keinen Umständen zu verletzen, andernfalls würde sich später unvermeidbar eine unschöne Laufmasche an ihrem Bein hinunterschlängeln. Die Dame mit den Initialen DY war nur mittelmäßig geübt in Näh- und Handarbeiten. Sie führte die Schere dennoch geschickt, sodass die beiden Klingen beim Zudrücken eng gegeneinander rieben. Dabei dehnte sie das Material mit der anderen Hand vorsichtig auseinander. Sodann trennte sich Faser von Faser, fast wie eine unter Spannung aufspringende Knopfreihe. Immer innen an der breiten Verstärkung entlang. Nur noch einen letzten, sorgfältigen Schnipps und das Werk war vollbracht. Die kaffeefarbene Raute aus Polyamid und Elastan war schließlich sauber und ohne Beschädigung der sie begrenzenden Naht ausgeschnitten. Soweit, so gut.

Die Dame mit den Initialen DY erhob sich von ihrem Stuhl, einem ebenso alten wie abgenutzten Stuhl aus gebogenen, hellgrünen Bambusruten, der mit seinem abgewetzten Leopardenfellbezug augenscheinlich schon viele tausende Hinterteile bettete, und so gar nicht zu dem klassischen Schreibmöbel passte, an welchem er hier üblicherweise stand. Dieses Möbel wiederum, der mahagonibraune Schreibsekretär, war allerdings vermutlich ebenso keineswegs ein wertvolles Antiquariat, sondern nur eine zwanzig oder auch dreißig Jahre alte Nachbildung eines solchen. Er war dennoch mit augenscheinlich großer handwerklicher Kunst verziert. Die Dame mit den Initialen DY hatte ihn direkt vor der Balkontür eingerichtet. Allerdings diente ihr dieser Sekretär meistens mehr als Kleiderständer, als denn zum Schreiben von Briefen. An diesem Morgen allerdings lag nichts anderes, als nun diese Schere auf seiner Schreibfläche

Die Dame mit den Initialen DY schritt mit dem Ergebnis ihres Schneiderns um den Schreibtisch herum und begab sich unter den schweren, dunkelbraunen und zur Seite gerafften Vorhang ihres geöffneten Balkons. Die kleine Mansarde wirkte in ihrer Enge, mit den schweren Möbeln und den dunklen Wänden mehr bedrückend als heimelig schützend und es schien ihr an diesem Balkonfenster immer, als stünde sie an der Schwelle von unendlicher Schwere zu schwebender Leichtigkeit. Immer wieder überfiel sie der Gedanke, einmal auf die Brüstung zu steigen und wie ein Vogel hinfort zu fliegen, oder sich im freien Fall hinab zu stürzen. Es war eine ihrer merkwürdig ambivalenten Vorstellungen, schaurig und reizvoll zugleich. Noch niemals hatte sie diesen Balkon mit seinem gusseisernen und von Rostblüten umrankten Geländer überhaupt betreten. Ihre ausgesprochene Phobie vor tiefen Abgründen bereitete ihr schon beim kleinsten Versuch, einen Schritt über die Türschwelle zu setzen, panikerfüllte Schweißausbrüche und Schwindelgefühle. Daher blieb dieser Balkon, seitdem sie hier wohnte, leer. Sie hatte keinen kleinen Tisch oder Stuhl dort stehen, wie die anderen Balkone neben und unter ihr, an welchem man an lauen Sommerabenden das Nachtlichtermeer und ein Glas von einem guten Rioja genießen könnte. Lediglich eine kniehohe Bromelie stand in Griffweite, ein wenig verloren in einem Terracotta-Topf, nicht weiter als einen halben Meter von der Tür entfernt am Boden und markierte mit ihren spitzen Blättern einen einzigen, einsamen Farbspritzer auf diesem sonst unbelebten Betonplateau.

Die junge Morgensonne streichelte den blassen Teint der Dame mit den Initialen DY, während sie mit dem Rücken am Türrahmen anlehnte und für einen kurzen Moment die Augen schloss. Nur in den Sommermonaten früh morgens, so wie an diesem Morgen, oder spät am Abend konnte sie von diesem Platz aus die Sonne sehen. Die Geburt zu ihrer Rechten und den Tod eines jeden Tages zu ihrer Linken, beides konnte sie zur Sommerzeit mit all seinen Farbnuancen von hier aus erleben. Zu anderen Zeiten war das Apartment mit seiner Ausrichtung zur Nordstadt hin nur wenig von Tageslicht, geschweige denn von Sonnenstrahlen erfüllt.

Von der Straße, sechs Altbaustockwerke tiefer, kroch bereits der Dunst urbaner Geschäftigkeit an der Hauswand empor. Mit einem tiefen Atemzug inhalierte sie das erwachende Leben der Stadt unter ihr. Sie hatte ein Haargummi um ihr Handgelenk gespannt. Seit einiger Zeit hatte sie die Angewohnheit, dies zu tun, ohne sich selbst danach zu fragen warum sie es tat. Nun nahm sie es vom Handgelenk und band ihr Haar damit mit zwei kreuzenden Bewegungen zu einem buschigen Pferdeschwanz zusammen. In Fortsetzung dessen streifte die Dame mit den Initialen DY nun mitten im Türrahmen ihres Balkons ihre Baumwollunterhose über ihre zurückgestreckten Pobacken hinunter und ließ den weißen Stoff auf ihre Füße fallen.

Die zuvor präparierte Beinumkleidung hatte sie gerade neben sich über die Balkontürklinke abgelegt und nahm diese nun wieder von dort zu sich. Sie stellte ein Bein etwas vor und raffte das feine Gewebe bis zum Fußzwickel auf. Mit prüfendem Blick zog sie das Knie an, streckte ihre bordeauxfarben lackierten Zehennägel vor und stülpte die seidengleiche Haut über ihren schmalen Fuß. Vorsichtig führte sie die Faser mit der dunklen Verstärkung über ihre Ferse und zog den Strumpf in einem harmonischen Schwung weiter über das Knie zum Schenkel hoch. Im Wechselschritt setzte sie das Gleiche mit dem anderen Bein fort.

Zu den Klassikern der erotischen Verführung, so wird mir mindestens der geneigte männliche Beobachter beipflichten wollen, zählt es zweifelsohne, einer Frau dabei zusehen zu dürfen, wie sie sich langsam vom Zeh bis zum Schenkel ein Paar möglichst schwarze, möglichst feine und dabei möglichst durchsichtige Nylonstrümpfe über ihre Haut streift. Die These sei hiermit aufgestellt, dass es kaum einem Weibe auf diesem Planeten gelingen kann, diese so ursächlich erotische Handlung ohne Assoziation an eine gewisse Reifeprüfung zu vollziehen. Es sei denn, man ersetzt diesen transparenten Fetisch aus amerikanischer Kunstfaser durch eine alltagstaugliche Feinstrumpfhose, womöglich aus einem Discounterregal gefischt, etwa sogar hautfarben, und gar noch blickdicht, sodann erinnert die Prozedur des Verhüllens von Ferse, Wade und Schenkel, ja und schließlich auch von Po und Hüfte, manchmal eher an das ungelenke Überstreifen eines virtuellen Taucheranzugs mit anschließendem Sackhüpfen.

Die Dame mit den Initialen DY zelebrierte die Einhüllung ihres Unterleibes mittels eines solchen seidengleichen Doppelstrumpfes gänzlich anders. Als sei sie im Bewusstsein, dass ein heimliches Auge, etwa durch ein Fernrohr aus der gegenüberliegenden Häuserreihe, sie dabei beobachten könnte, so zog sie die bevor präparierte Strumpfhose über ihre Schenkel und ihren Po bis zu den Hüften hinauf, ebenso burlesque, wie sie dieselbe zuvor um ihre Fußknöchel und Waden und Knie schmiegte. Mit glattstreifenden Bewegungen ihrer Handflächen über Po und Schenkel verifizierte sie den perfekt anliegenden Sitz. Anschließend drehte sie sich seitlich und blickte hinab, um die gerade Linie der Naht an ihren Waden zu überprüfen. Die Naht war ihr besonders wichtig. Die hauchdünne Naht, die sich nun von ihrer Ferse bis hoch hinauf zu ihren Schenkeln erstreckte, wirkte wie ein filigraner Träger inmitten der transparenten Fassade eines alles überragenden Wolkenkratzers. Wenngleich nur hauchdünn, vermochte er dennoch seinesgleichen Halt und Struktur zu verleihen.

Rosaweiße Haut quoll an dem ausgeschnittenen Segment in ihrem Schritt hervor, als die Dame mit den Initialen DY ihr rechtes Bein plötzlich in einem Schwung nach oben schlug, und zwar soweit, bis ihre Beine eine gestreckte, senkrecht im Türrahmen stehende Linie bildeten. Ihre Fußspitze berührte dabei den Türsturz über ihr. Sie war durchschnittlich groß, die Dame mit den Initialen DY. Ihre Beine allerdings waren durchaus von überproportionaler Länge. Ihre Spannweite erstreckte sich von Zehenspitze bis Zehenspitze gemessen, über knapp zwei ganze und einen zehntel Meter. Am Verblüffendsten aber war die Leichtigkeit, mit welcher sie ihr Bein in einem geschwungenen Halbkreis hinauf führte. Ihr stehender Spagat lieferte einen vagen Hinweis darauf, wie dehnbar ihre Sehnen wirklich waren. Sie empfand es sogar manchmal als entspannend, beide Beine gleichzeitig hinter ihrem Kopf zu kreuzen und ihre Fersen wie ein Kopfkissen zu benutzen. So verknotet konnte sie einen ganzen Abend verbringen, wenn es gewünscht würde. Einmal erzählte die Dame mit den Initialen DY beiläufig einem Briefreund, ein Mann, den sie niemals zuvor gesehen hatte, dass sie in der Lage sei, ihren eigenen Hosenknopf mit ihren Zähnen zu öffnen. So wie es von ihr zu lesen war, musste ihr Gegenüber überzeugt sein, dass sie ihm ein illustres Märchen auftischte. Dass sie dazu tatsächlich in der Lage wäre, entzog sich vollkommen der Vorstellungskraft ihres damaligen Adressaten dieser Briefe.

Ihre Wange schmiegte sich nun dicht an ihr durchgestrecktes Knie und ihre Zehen hielten ihren Slip, nachden diese ihn zuvor vom Boden aufgegriffen hatten, über ihrem Kopf zur Schau. Sie griff den Baumwollstoff und hielt ihn einen Wimpernschlag lang an ihr Gesicht. Dabei roch sie sich selbst, ihren eigenen intimsten Duft und sie spürte ihre eigene Feuchtigkeit, die von diesem Gewebe absorbiert worden war, nun auf ihrer Haut. Sie liebte diesen ihr eigenen, ihren ureigensten Geruch auf merkwürdige Weise sehr. Manchmal mal war er mild, beinahe süßlich, andere Male wiederum hatte er ein herbes, fast schon stechendes Aroma.

 Die nackte Haut ihrer Weiblichkeit war bei dieser Beinhaltung mehr als nur exponiert. Ihre Schamlippen warfen einen regelrechten Knutschmund in Richtung Sonnenaufgang. Ihre Vulva wurde von einem dichten Flaum von sich kräuselndem, dunklem Haar eingerahmt, welches sich, ab dieser Linie unter dem Gewebe der Nylonhaut gefangen, weiter über ihren ganzen Schamhügel ausbreitete. Immer noch an den Türrahmen ihres Balkons angelehnt, stellte sie das rechte Bein, unter Ignoranz jeglicher Phobien oder Hemmungen, einen Schritt weit heraus auf das Balkongeländer und wanderte mit den mittleren Fingern ihrer rechten Hand langsam hinunter zu dieser exponierten blütenhaften Insel der Lust, die in ihrer Körpermitte entsprang. Aus dem blechern klingenden Lautsprecher des kleinen Radioweckers wurden die sieben Uhr Nachrichten angekündigt, als die Dame mit den Initialen DY begann, im Türrahmen ihres geöffneten Balkons im Licht der Morgensonne zu masturbieren. Ihre rechte Hand tastete über den Stoff der Strumpfhose hinab zum Ausschnitt, um mit ihren Fingerspitzen die empfindliche Perle zu berühren, sie zu erfühlen und sanft zu bespielen, nachdem ihre linke Hand zuvor die schamhaarumflaumten Venuslippen, die das empfindsame Innere verbargen, spreizte und die pochende Knospe aus ihrem Versteck befreite. Sie empfand das Gefühl dieser sich langsam einstellenden Spannung in ihrem Schoß am intensivsten, wenn sie ihren Kitzler von unten nach oben massierte und abwechselnd mit ihrer Fingerkuppe in langen Ellipsen um ihre Schamlippen kreiste. Die Dame mit den Initialen DY stütze ihr Körpergewicht nur noch auf die Spitzen ihrer Zehen und reckte dabei ihren Unterleib vor, als wollte sie die süße Gier ihres Schoßes ihren Fingerspitzen noch näher bringen. Die monoton, sonore Stimme im Radio reportierte über ein unbeachtetes, internationales Gipfeltreffen, als das Blut in ihre anschwellenden Schamlippen bereits pulsierte und innere Feuchte sich um ihre autophilen Finger schmiegte.

Es waren die äußerlichen und sichtbaren Anzeichen, dass sie bereit war. Jedes Mal genoss sie das kaum beschreibbare Spiel ihrer Muskeln, mit den Blutströmen und Hormonergüssen auf dem Weg dorthin, das aus ihrer Körpermitte keimte und alle Adern, alle Poren, wie in einer warmen, langsamen Welle überflutete. Sie erlebte merkwürdigerweise diesen Anfang, die sich aufbauende Lust viel intensiver als das extatische Ende, als ihren späteren, befreienden Orgasmus. Bereit zu sein, das wurde zu ihrer Passion. Es genügte ihrem ureigensten Anspruch an ihre Selbstkontrolle, ihre sexuelle Erregung nur genau bis zu diesem Moment des sich in ihr bildenden Lustsekretes zu führen, aber von eigener Hand keinesfalls darüber hinaus zu gehen. Diesen besonderen Zustand, der sich einstellt, wenn die Begierde nach einer sanften intimen Berührung langsam beginnt aufzuschäumen, diese Phase des femininen Lustempfindens zu erreichen, das gelang ihr meistens schon innerhalb weniger Augenblicke. Ihre Vagina vermochte selbst nach nur kurzer Stimulanz mittels ihrer Finger eine beträchtliche Menge an Sekreten zu bilden, die gleichsam in einem glitzernden, glänzenden Film ihre Vulva benetzend zu Tage traten, um dort ihrer Aufgabe, den ersehnten Eindinglichkeiten leichtes Spiel zu bereiten, nachzukommen. Es wäre ihr nun leicht von der Hand gegangen, die innere Erregung zu steigern und in einen mehr oder weniger kurzen und ebenso heftigen Höhepunkt mit anschließender wohliger Entspannung zu führen. Diesen Zustand der Lust zur Lust aber über die Zeit zu erhalten, das betrachtete sie als ihr Ziel. Ihre Feuchte und ihre Bereitschaft über Stunden, im besten Fall den ganzen Tag oder womöglich sogar über Nacht und Tag hinweg zu konservieren, ohne dass ihre Libido abzuflauen oder gar zu versiegen drohte, dies strebte sie an. Sie empfand es als die höchste Stufe des Bereitseins, die ihr je möglich sein könnte, sich zu jeder Zeit eine Handberührung breit unter dem Tangens des Gipfels zu befinden. Sie erlebte das langsame Crescendo wie in Ravels Bolero in einer Endlosschleife. Jede, selbst jede fremde, beiläufige Berührung könnte sie dann wie ein Blitz entzünden und auf die Straße der Extase schicken.

In diesem Status Quo geschah noch etwas anderes Bemerkenswertes. In ihrer konservierten Lust umgab die Dame mit den Initialen DY eine ganz besondere Aura. Sie hatte dabei eine ganz eigene, sozusagen eine teleerotische Ausstrahlung auf die Personen in ihrer Umgebung. Die Menschen in ihrer Nähe nahmen sie wahr, jedoch ohne dass es denjenigen selbst bewusst war, sogar ohne dass diese die Frau mit den Initialen DY überhaupt ansahen. Mehr noch als das, die Gegenwart der Dame mit den Initialen DY stimulierte das Lustempfinden der Fremden um sie herum, ohne dass diese verstehen konnten, woher diese Empfindung gerade in diesem Moment ihren Auslöser fand.

Paare, die in der U-Bahn neben ihr standen, begannen plötzlich sich aus heiterem Himmel leidenschaftlich zu küssen. Fremden Männern, denen sie auf dem Boulevard begegnete, glitt wie ferngesteuert, spontan, kaum auffällig und ohne ersichtlichen Grund eine Hand in den Schritt. Junge Hausfrauen, die mit Kinderwagen am Gemüsestand auf dem Wochenmarkt nach Kopfsalat Ausschau hielten, schlossen sekundenbruchteillang ihre Augen und ließen ihre Zunge über ihre offenen Lippen gleiten, sobald sich die Dame mit den Initialen DY in ihrer unmittelbaren Nähe aufhielt. Meistens griffen diese Damen danach wie fremdgesteuert nach einer der Salatgurken, selbst wenn sie Ruccola und Tomaten auf ihrem Einkaufszettel stehen hatten.

So geschah es immer, wenn die Dame mit den Initialen DY ihr Spiel mit ihrer in sich selbst gefangenen Extase in der Öffentlichkeit trieb und zudem noch dabei unter ihrem Kleid unbekleidet blieb.

Ihr Kleid, genauer gesagt ‚das Kleid’ lag in ihrem Apartment auf dem Bett. Es war ein hellgraues, kleinkariertes Etuikleid ohne Ärmel mit einem hochgeschlossenen Kragen. Sie wollte es umarbeiten lassen, für ihre Belange, in der Änderungsschneiderei, die es schon gab, als sie ein Teenager war, Die Schneiderei war immer noch an der vielbefahrenen Straße auf dem Weg in die Innenstadt. Der Schneider hielt es nicht für möglich, den vorderen Rockteil in eine Art Vorhang umzuarbeiten, ohne die Silhouette des Kleides zu zerstören. Er blickte ein wenig ratlos in enttäuschte, dunkelbraune Augen. Vielleicht konnte die Dame mit den Initialen DY ihm auch nicht richtig verständlich machen, welchem Zweck ihr Änderungswunsch dienen sollte. Aber wie hätte sie das auch dem frommen, alten Mann aus Anatolien vermitteln können.

So also blieb das Kleid an diesem Morgen auf dem Bett liegen. Nur der taillierte, leichte Sommermantel, der in einem hellen beige gehalten war, verhüllte den einzig und allein strumpfhosenbekleideten Körper der Dame mit den Initialen DY. Der Saum des dünnen, samtleichten Stoffes ihres Mantels streifte ihre Beine knapp über ihren Knien, als sie sich anschickte, ihre Kammer im Dachgeschoss des einstmals vornehmen Altstadtwohnblocks aus der Weststadt zu verlassen.