XXV


 

 

 

 

 

 

 

»Komm zu mir!«, würde ich nun gern sagen. Ja, komm zu mir! Dabei würde ich dich ansehen. Ich würde dir so unendlich gern dabei zusehen, wie du langsam einen Fuß vor den anderen setzt, etwa so, als müsstest du auf einer schmalen Linie entlang balancieren. Eine Linie, welche dich von deinem Punkt dort drüben genau hierher zu mir führte. Bei jedem Schritt, mit dem du dich mir nähertest, würden die Spitzen deiner vorgestreckten Zehen den schlammfeuchten Boden zuerst ertasten, um nach Gleichgewicht auf weichem Grund zu suchen. Sodann würde dein Fußballen auf nassem Gestrüpp Halt finden und die Ferse in das hohe Gras folgen lassen. Schritt um Schritt, langsam und unglaublich grazil. Jede einzelne deiner geschmeidigen Bewegungen wäre mir ein vollendeter Genuß, sie zu betrachten. Jedes einzelne Standbild deines Daseins würde ich verwenden, um damit die Wände meines Gedankenspeichers zu tapezieren.

Die sich schlängelnde Linie deiner Hüften würde dabei ganz leicht schwingen, wie eine Kinderwippe, auf und ab, hin und her. Mein Blick würde wie gebannt mitschwingen.

Deinen Rücken hättest du durchgestreckt und dein Oberkörper wäre mit Anspannung hervorgedrückt.

Wie ein Schleier, der die pure Verlockung kaum zu verhüllen vermag, würde der leichte und inzwischen schon so durchsichtige Stoff über deine Brust fallen. Ein weißschimmernder Tarnmantel der Unschuld, unter dem sich die Spitzen deiner Erregtheit nur pro forma zu verstecken suchen. Immer nasser würdest du vom Regen, immer durchsichtiger geriete dein Hemd.

Deine Schultern hieltest du hingegen vollkommen gerade und ruhig, beinahe als wären sie an einer Waage ausgerichtet. Du könntest ein Buch auf deinem Kopf balancieren, doch Bücher gibt es hier nicht. Hoch und geradeaus würdest du deine schmale, spitze Nase halten, und mir dabei dein Kinn und deinen Hals präsentieren. Dein so schlanker, langer Hals, an dem die Tropfen, die dein Haar eingefinge und an den Spitzen wieder entließe, langsam herab rinnen würden. Dein Hals, er würde gleichwohl wie magnetisch mehr als nur meine ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Mein ureigener Wahnsinn wäre schon hier auf den Plan gerufen, dem Sichtbaren Geträumtes hinzuzufügen. Dein Hals allein wäre Schuld. Dein so langer, schlanker Hals. Ich würde es mir im Atelier meiner geheimsten Begierden skizzieren, wie deinen Hals nicht nur ein einzelnes Band umschnürte, so wie ich es mir ja schon so oft vorstellte. Nein, gleich zwei dieser schmalen, ledernen Riemen kämen mir in den verfluchten Sinn. Zwei Lederbänder in mattem schwarz würden sich, weiß der Teufel warum, in meinen Gedanken in diesem Augenblick nebeneinander um deinen Hals schmiegen. Eng anliegend, eben passgenau, für dich gemacht, so wie ich es so gern an dir sah und wie ich sie in meiner Hosentasche für dich bereithalte.

Dieser wunderbare Kontrast zwischen dem provokanten, doppelten Lederreif um deinen Hals und dem seidigen, unschuldig weißen Stoff, der den Schimmer deiner benässten Haut bedeckte, er wäre absolut zweifellos ein Anblick, dem ich erliegen müsste. Einer, dem ich niemals widerstehen könnte, so sehr ich mich auch dagegen wehren wollte. Kontraste haben immer etwas Besonderes, behaupte ich, und vor mir stünde hier, im strömenden aber warmen Sommerregen, der leibhaftige Beweis dafür.

Aber dies wäre zweifelsohne längst nicht der einzige Blickfang, dem ich mich stellen müsste. Jeder einzelne Beinschlag, jeder Schritt, auf deinem Weg hierher zu mir, jeder Einzelne davon wäre eine Galavorstellung, eine raumgreifende Darbietung deiner selbst. Anmutig möchte ich das bezeichnen, was ich zu sehen bekommen würde. Aber genug, ich schwärmte ja bereits davon. So betrachtet wäre es höchst bedauerlich, wie wenige Schritte dir schon genügen würden, um meiner vorausgegangenen Aufforderung zu folgen.

Schließlich stündest du ganz nah vor mir. Nass, im Regen, auf dieser Wiese, inmitten dieser Lichtung, in diesem Wald. Du würdest in deiner Vollkommenheit hier vor mir stehen, ohne dabei zu posieren. Mit erwartenden Augen stündest du vor mir. Was würdest du von mir erwarten? Das frage ich mich. Was dürfte ich von dir verlangen?

Was hat er, der Andere, etwa von dir verlagt? Der verfluchte Gedanke daran lenkt mich ab.

»Knie Dich!«, mag er wohl verlangt haben. »Auf die Knie! Los, runter mit Dir!«, mag er dir harsch befohlen haben. Fast erscheint es mir, als wäre diese Wortsequenz die einzig Mögliche, etwa die einzig logische Konsequenz, in dieser Situation. Die Konsequenz aus deiner Rolle ihm gegenüber, eben ein Befehl, welcher nun ganz einfach eingefordert werden musste, erwartungsgemäß, schon geradezu ritualisiert.

Ob es wohl so geschah? Hat er es so von dir verlangt? Nein, weil ich es nicht glauben möchte. Ja, weil ich genau dies genauso gesehen habe, insofern mir meine getrübte Wahrnehmung nicht einen frivolen Streich gespielt haben mochte, damals im Regen, genau hier an dieser Stelle, an dieser Lichtung.

Schluß jetzt mit dieser Farce. Genug der verdammten Fragen, auf die ich keine Antwort erhalten werde. Jedenfalls nicht hier und nicht heute, und schon gar nicht von ihr, denn sie ist überhaupt nicht da. Sie ist nicht hier an dieser Waldlichtung, auf dieser Wiese, in diesem Regen, das ist ein Faktum. Ja es ist das Einzige, welches ich wirklich sicher von ihr oder über sie weiß: Dass sie nicht da ist. Es ist also müßig, sie weiter anzusprechen, Es ist albern meine Worte in der persönlichen Anrede an dieser Stelle in das leere Feld vor mir zu rufen, denn sie wird nicht antworten. Sie kann mich nicht hören. Ich bin allein hier. Ganz allein. Nicht einmal der warme Regen ist hier bei mir.

»Würdest du bitte zurückkommen!«, höre ich mich selbst leise in Richtung dieser menschenleeren, wilden Wiese inmitten dieses Waldes murmeln und realisiere dabei gleichzeitig die Absurdität meines Verlangens.

Schließlich stelle ich, quasi ersatzweise, eine neue Frage, diesmal an mich selbst. Genaugenommen ist diese Frage allerdings alles andere als neu. Sie lautet wie folgt: Wäre ich es anstelle dieses Fremden gewesen vor dem sie dort stand, was hätte ich mit ihr getan? Hätte ich das gleiche ausgesprochen? Oder wollte ich sie vielmehr viel lieber dabei angesehen haben, wie sie sich von selbst, freiwillig und ohne einen Befehl, hier vor mir hinab ins hohe, nasse Gras auf ihre Knie begeben hätte? Ja, so sähe ich sie nun gern. Ich stelle mir vor, wie sie vor mir stünde und meinen Blick lesen würde. Wie sie dann, ohne dass es von ihr verlangt wurde, auf den nassen, weichen Wiesenboden niederkniete und ihre Arme dabei zu meiner Verfügbarkeit hinter ihrem Rücken kreuzte. Sie mochte in meiner Vorstellung danach ihre Schenkel weit auseinander spreizen, soweit wie sie nur könnte, damit ich ganz nah an sie herantreten könnte. Sie würde hinaufschauen und ihre Lippen öffnen, als wolle sie den Regen aufnehmen. Nicht nur den Regen. Es würde ihren ganzen Mut fordern, zum ersten Mal zu tun, was sie noch nie vorher tat. Sie müsste ihren Stolz überwinden, um sich mir ganz zu öffnen und sich auf solche Art preis- und hinzugeben, in freier Demut. Mut, Vertrauen und noch mehr Selbstvertrauen verlangte dies von ihr. Hätte sie so viel von alledem? Hat sie dieses Selbstvertrauen? Ich bin mir sicher, sie hat den Mut. Hätte ich so viel Macht über sie, oder wäre ich gar völlig machtlos in diesem Moment? Wohl beides, fürchte ich.

Kurzum, »Knie dich!«, würde ich nicht von ihr verlangt haben.

»Atme für mich!«, würde ich ihr sagen wollen und sie dabei betrachten, wie sich ihre Brüste heben und senken. »Riechst du ihn?«, würde ich sie fragen, »riechst du den Regen?«.

Ihr Haar würde immer nasser, immer zotteliger, glänzender und dunkler. Nasstropfende, ungezähmte Strähnen klebten dann vor hellwachen, glutlodernden Augen. Während sie nochmals tief einatmete, würde sich ihre Brust noch weiter heben, mir entgegen. Der Stoff ihres Hemdes haftete triefend auf ihren vollweiblichen Kurven. Ihre Nippel, an denen sich der durchtränkte Stoff riebe, würden sich fest und immer frecher durch das transparente Weiß des Leinens abzeichnen. Das Wolkenwasser würde auf ihren dunklen Spitzen zerspringen, und sie noch härter werden lassen, noch verlockender, noch einladender. Sie luden mich ein, sie zu berühren, und sie zwischen meinen Fingern zu reiben. Es gelüstete mir nach ihren nassen, wahrlich anbiedernd harten Nippeln. Und doch, ich würde sie nicht berühren. Ich hielte ihren Blick.

Meine Jeans wäre gleichwohl völlig durchnässt und spannte mir schwer an den Beinen, während ich einen Schritt auf sie zuginge. Schulter an Schulter stünden wir nebeneinander. Meine nackten Füße wären von nassem Gras und weicher, feuchter Erde benetzt. Ungeschnittenes, wildes und triefnasses Gras. Wir hielten den Blick, magisch verbunden.

Wie ein Satellit um sein Zentralgestirn würden meine Schritte damit beginnen, langsam Kreise um sie zu ziehen. Angezogen und abdriftend zugleich, wie in eine Umlaufbahn getrieben. Sie stünde still und folgte mir nur mit ihrem Blick. Was würde sie sehen? Wie mein Herz pocht? Würde sie mir in meine Augen sehen, in mein Verlangen? Sie stünde still, atemholend, mit der Erde verwachsen. »Atme für mich weiter!«

Wie eine Statue aus purer Erwartung senkte sie ihren Kopf nach vorn, sobald ich aus ihrem Blickfeld herausschritte. Wie von Magnetkraft gelenkt, koppelten sich ihr Blick mit meinem auf der gegenüberliegenden Seite, als sei mein Erscheinen ihr neuer Sonnenaufgang. Runde um Runde. Ich wäre ihr nah, so nah, dass sie meinen Atem an ihrem Nacken spüren müsste, und sich mein Geruch mit dem des Regens in ihrer Nase mischte. Ich spielte damit, langsam durch ihr Haar zu streichen, durch ihr regennasses Haar, durch die klatschnassen Strähnen, die sich an ihrem Nacken käuselten. Ich durchkämmte dieses so nasslockige und gleichsam so lockende Haar, mit meiner Hand wie in einer Trockenübung,  in einem Übungsschwung, ohne es dabei tatsächlich zu berühren. Nein, ich würde sie nicht berühren. Ich zeichnete die Wellenlinie mit dem Finger in der Luft nach. Würde sie mich dennoch spüren? Was würde sie begehren? Dass ich endlich zupackte? Dass ich kräftig hineingriffe und dass ich sie beim Schopfe hielte? Wäre das ihr Begehr?

»Schau hinauf, in den Himmel«, wäre mein Begehr. Ich wäre so begierig, nun aus dieser Nähe zu verfolgen, wie die schweren, kühlen Tropfen klaren Wassers auf ihr Gesicht einprasseln, ihre Wangen massieren, ihre Lippen benetzen, und an ihren Schläfen hinabrinnen. Das gleichtönige Trommeln der Millionen kleinen Regentropfen um uns herum wäre hypnotisierend, die Gedanken verwischend, wahrhaftig sinnbefreiend.

Ich wäre begierig, ihren überstreckten Hals mit meinem Blick zu umgreifen. Ich wäre wohl gern genau dieser wasserklare, kalte Regentropfen, dieser eine, der gerade in diesem Augenblick von ihrem Kinn hinab rönne, ihre Kehle passierte und zwischen ihren Brüsten weiter hinab flösse, hinein in den schon so durchfeuchteten Stoff ihres Hemdes, in welches er hinein diffundierte und vewschwände. Dieser Tropfen, der sich nunmehr, meiner Verfolgung entkommen, mit ihrer Nässe mischte und sie so gleichsam gänzlich umhüllte. Dieser eine auserwählte Tropfen. Wäre ich dieser glückliche Tropfen, diese eine erdbeschleunigte Kugel kondensierten Wassers unter Millionen und Abermillionen, von denen die meisten um uns herum in Unbedeutsamkeit versickern, wäre ich der erwählte Regentropfen, der ihre Wange träfe, so wollte ich mich sodann über ihren ganzen zitternden Leib ergießen und auf ihr zerfließen. Ich benetzte jede Pore ihrer warmen Haut, ich umschlösse jedes einzelne sich von dort hinfortsträubende Haar mit einem hauchdünnen Film meiner Feuchtigkeit. Ich, der Tropfen aller Tropfen tauchte ihren Torso in eine kühlende, alles benetzende Hülle. Ein einziger Tropfen, so klein und doch überall an ihr, im Vermögen ihre Gegenwart im Ganzen zu umschließen.

 Aber nur mein Geist vermag zu zerfliessen, nur mein frivoler Gedanke kann überall auf ihrer Haut zur gleichen Zeit sein. Mein Körper aus Fleisch und Blut ist indes begierig danach, sie mit beiden Armen zu umschließen. Es wäre mein Verlangen, dicht hinter ihr zu stehen und sanft aber kraftvoll ihre Ellenbogen zu packen, und sie an mich zu pressen, wodurch ihre Hüften hervor und ihre Brüste dem Regen entgegengestreckt würden. Ich möchte ihre Arme hinter ihrem Rücken fest zusammenhalten. Mehr noch, es wäre mir ein innerer, unzähmbarer Drang, ihren feuchtwarmen Körper zu binden, mit rauem Sisal, unentrinnbar an mich zu fesseln, zu verschnüren und zu entführen. So wäre sie wie ein Schatz, sie wäre das Objekt meiner Begierde, das geschnürte Paket meiner ungestillten  Gelüste, gehütet und beschützt, ganz und gar mein. Ich würde nicht mehr von ihr weichen.

Jedenfalls nicht weiter als fünf Meter. Ihren fragenden Blick würde ich nicht sehen, wenn ich mich von ihr abwendete und fünf Schritte von ihr weg bewegte. Fünf Meter wären zwischen ihr und mir.

»Komm zu mir!«, würde ich dann zu ihr sagen, ein weiteres Mal, nachdem ich mich ihr wieder zuwendete, und in ihre erwartenden Augen blickte. Ich würde es so sehr genießen, sie wieder anzusehen. Ich würde so gern beobachten, wie diese nassglänzende Gestalt ohne ein weiteres Wort verstünde, was ich mit nun von ihr wünschte. Wie sie vor mir hinunter ins Gras glitte. Wie sie an den Armen und um die Brüste fest in diese Stricke gewebt, begänne langsam ihren Körper zu winden, um mir näher zu kommen. Wie sie sich auf dem Bauch kriechend, hier im nassen, erdweichen Grün zu mir schlängelte, etwa so, als bewegte sich vor mir auf dem Boden ein geschmeidiges Schlangenreptil auf Beutezug, mit einem spitzen Giftzahn, welcher genau für den Moment aufgespart zu sein schien, um ihn sogleich in meinen nackten, schlammbedeckten Fußrücken zu stoßen. Jede einzelne ihrer so gebundenen Bewegungen würde ich mit meinen lustschwangeren Sinnen begierig inhalieren.

Ihr Lockenhaar würde ihr in nassen Zotteln über ihrem Gesicht kleben, wenn sie dann schließlich kurz vor ihrem Ziel wäre, hier bei mir. Ihr wahres Ziel ist nun einmal hier, nirgendwo sonst. Nur weiß sie es noch nicht.

 An ihrem Ziel, hier zu meinen Füßen, möge ihr vor Erregung der Atem stocken, wenn ich mich zu ihr hinunterkniete, wo ich dann mit meiner Hand endlich doch in ihren Haarschopf griffe, ihren Kopf mit Bestimmtheit hoch und in ihren Nacken zurückzöge und ihre nassen Lippen mit dem Finger berührte. Sie würde sich leicht fühlen, in ihren Fesseln, sie würde sich nun auch am Ziel glauben, geborgen in meinen Händen. Ihre Lippen würden zittern vor Verlangen nach mehr. Es gelüstete ihr nach mehr von diesem kräftigen, strengen Griff in ihr Haar, den sie natürlich nicht vergessen hätte.

Während der Regen den Schmutz von ihren Wangen spülte, hielten wir den Blick, wortlos.

Mit der Beweglichkeit einer zügelnden Viper folgte sie dem Zug meiner Hand in ihrem Schopf. So könnte ich sie allein mit dem Griff in ihr festes Haar hier auf dem Boden liegend auf den Rücken drehen. Ihr längst nicht mehr weißes Hemd spannte eng über ihren Brüsten und über ihrem Bauch. Wie eine dünne Gummihaut klebte es auf ihren Rundungen. Die Transparenz des nassen Stoffes vermochte die geschwollenen, dunklen Höfe ihrer Brüste längst nicht mehr zu kaschieren. Ich könnte alles sehen. Ich mochte es einfach aufreißen, und ihre nackte, atempulsierende Brust dem einprasselnden Regen ausliefern. »Atme für mich!«, würde ich wieder verlangen, nachdem meine Hand sich um ihren Hals legte. Die klaren Tropfen wuschen dabei den Schlamm und das Gras von ihren empfindsamen, beinahe berstenden Brustwarzen.

Ja, sie wäre unendlich erregt. Ich weiß genau, sie würde in ihrem Innersten brennen, vor schier unstillbarem Verlangen nach mir. Nur nach mir. Sie könnte ihre wild in ihr lodernde Gier danach, sich meinem packenden Griffs in ihrem Schopf hingeben zu dürfen, nicht mehr verstecken. Ich würde es glasklar in ihren Augen sehen können, wie sie sich nichts mehr wünschte, als dass ich sie weiter entblößte, ihr allen Stoff von ihrem nassen Leib risse und sie meine Haut auf ihrer Haut spüren ließe. Sie müsste keine Worte verlieren, um mir zu verstehen zu geben, wie sehr sie sich danach verzehrte, dass ich sie endlich nehmen möge, dass ich sie spreizte und dass ich Besitz von ihr ergriffe. Ich könnte es allein schon von ihren so lasziv geöffneten Lippen lesen, wie diese sehnsuchtsvoll erwarteten mich aufzunehmen und zu umschließen. Diese vollen, roten Lippen, die allein dazu geboren wurden, um mich zu verführen.

Dieses lüsterne Luder. Dieses unverfrorene Stück purer Versuchung. Es ist ihre Schuld. Natürlich ist alles was passierte, alles was mit mir geschah, alles ist nur ihre Schuld. Mein Geist, meine männliche Natur ist viel zu schwach, dieser Versuchung zu widerstehen, das wusste sie ganz genau, von Anfang an. Sie hatte das alles im Kalkül.

Sie kann sich weiß Gott in dem Glück sonnen, dass sie nicht ein paar Jahrhunderte früher in diese Welt trat, wo sie ohne Zweifel früher oder später dem Scheiterhaufen geweiht gewesen wäre. Damals wäre sie in Ketten geschmiedet gewesen und hätte ihre Schuld herausschreien müssen. Natürlich hätte nur sie die Schuld daran, dass sich Richter und Henker zu gleichen Teilen an ihr gütlich getan hätten, weil ihre Gegenwart allein deren schwaches Fleisch in Versuchung brachte.

Ein Scheiterhaufen ist schnell errichtet, zu jeder Zeit und an jedem Ort. Dieser Hochsitz dort am Waldrand zum Beispiel, er könnte ihrer sein, und ich allein, ich wäre dazu bestimmt ihr Richter und ihr Vollstrecker zu sein. Ich, der einzige, der weiß, was sie braucht, der einzige, der ihr allein geben kann, was sie verdient. Ich bin der Einzige.

Hierher werde ich sie bringen, selbst dann, wenn ich sie dazu rauben muss. Genau an diesen Ort werde ich sie entführen, genau an einem solchen Regentag im Mai. Genau hier wird sie knien. Genau hier vor mir. Hier wird sie mir ihre Hände reichen und sich in meine Hände begeben. Von hier aus werde ich sie nach dort hinüber führen, mit meiner Hand in ihrem Haar wird sie auf Knien und Händen dort hin, an dieses Gerüst aus altem, morschem Holz kriechen. Dort werde ich sie binden, wie sie noch nie gebunden war. Das Kreuzgerüst des Hochsitzes ist wie geschaffen dafür. Ich werde sie schnüren, dehnen und spreizen, mit allen Vieren voneinander entfernt, wie ein ausgestrecktes X. Ich werde ihr Unterstes nach oben kehren, ihre nasse Spalte dem Regen des Himmels offenbaren und ihren sündigen Leib den vielen Metern dieses gedrillten Hanfs ausliefern. Geführt von meinen Händen werden meine Stricke tief in ihren durchnässten Torso einschneiden und wundrote Spuren in ihr weißes, zartes Fleisch zeichnen. Aber sie werden nichts sein, verglichen mit den Striemen, die dieser Holunderstrauch, hier längst zu ihrer Züchtigung bereit gelegt, auf ihrem vulgären Hinterteil anzurichten gedenkt. Wenn die spröden Äste erst ihre Lenden zeichnen und in tausend Stücke zerbersten, dann werden ihre Schreie und ihr Stöhnen mit dem monotonen Stakkato des Platzregens auf ihrer Haut zu einer Sinfonie des Lustrausches kulminieren, der sie nach Erlösung flehend, atemlos keuchen lassen wird. »Atme, meine Schöne, atme weiter für mich!«

Was für eine perfide Macht steuert meine Gedanken? Welchem Dämon habe ich mich verkauft? Welches Biest wohnt in mir? Ich habe so unendlich viel Liebe in mir. Soviel Lust habe ich zu geben. So sehr will ich doch meine Leidenschaft an ihr verschwenden. Ich muss es ganz genau so tun. Ich muss sie binden und sie auf die Knie zwingen. Notfalls muss ich sie züchtigen und ihr die Luft nehmen. Nur dann ist sie wirklich mein, nur dann hat sie meine Lust erfüllt und meine Liebe verdient. Nur danach hat sie es verdient zu atmen.

»Atme weiter für mich!«

»Warum gehorchst du mir nicht?«

»Warum atmest du nicht?«

Du dummes Ding.