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Fünf oder sechsmal war sie nun schon hier. Hier an diesem alten, rostbesetzten Eisentor. Eigentlich war es ein Umweg von mindestens fünf Minuten, den sie jedesmal ging. Jeden Tag, jedesmal, wenn sie auf ihrem Weg von ihrer für diese zwei Wochen gemieteten Ferienwohnung zum Strand war, ging sie nicht den direkten, sondern merkwürdigerweise immer diesen etwas längeren Weg.


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Am ersten Tag, nachdem sie zusammen mit ihren drei Kindern hier an der See angekommen war, als sie den Weg zum Badestrand erkunden wollten, da liefen sie alle vier hier an dieser Strasse entlang. Es war nur ein vorwitziger Zufall, so möchte sie glauben, dass sie es überhaupt entdeckte. Es war ein wenig versteckt. Hinter den alten Eichen konnte sie zuerst nur die Säulen erkennen. Diese Säulen am Eingang fesselten ihren Blick zuerst.


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Am zweiten Tag zählte sie die Treppenstufen. Die moosbedeckten Stufen, die hinauf zu den Säulen führten. Es war kein bewusstes Zählen, aber sie wusste schon am zweiten Tag, dass es elf Stufen waren, die sich aus dem kniehohen Gras hinauf zum herrschaftlichen Eingangsrisalit dieser alten Villa erstreckten.


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Am dritten Tag ließ sie die Kinder etwas voraus gehen. Sie sollten nicht bemerken, dass sie an dem Tor kurz innehielt und ihre Hand auf den schmiedeeisernen Griff des alten Portals legte. Sie erschrak ein wenig, als sie die Klinke hinunterdrückte und feststellte, dass das Tor gar nicht verschlossen war.


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Am Vormittag der vierten Tages betrachtete sie die alte Villa erstmals einige Minuten lang. Sie drückte die Klinke nicht, denn sie wusste ja, dass das Tor sich ihr öffnen würde. Irgendwie wollte sie dem schweren, alten, geschmiedeten Eisen keine Hoffnung machen, dass sie es an diesem Tag passieren könnte. Noch nicht an diesem vierten Tag. Sie hielt ihren Blick lange auf das hohe Fenster seitlich am obersten Treppenabsatz. Es war aus milchigem Glas, das ihr merkwürdig von innerem Sonnenlicht durchflutet erschien.


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Als sie am fünften Tag an der Villa vorbeikam, geschah etwas eigenartiges. Es war ihr, als sähe sie sich selbst durch das trübmilchige Fenster hinausblicken. Es schien ihr, als blicke ein Schatten von ihr von dort hinaus auf die elf Stufen, als schaute sie von diesem Fenster nach einem Kind, das dort spielen könnte. In dem Moment erinnerte sie sich plötzlich an etwas, das sie erst kurz davor, genauer in der gerade vergangenen Nacht erlebt hatte. Es muss etwas gewesen sein, das man gemeinhin als Traum bezeichnen würde. Doch sie wusste nicht, was ein Traum ist. Sie hatte natürlich von Träumen gehört, von phantasiereichen Reisen in das eigene Unterbewusstsein, von denen so mancher berichtete, aber selbst hatte sie bisher noch niemals in ihrem Leben geträumt. Dieses Phänomen beschäftigte sie aber bislang nur wenig, weil sie sich einfach nicht vorstellen konnte, was ihr ihre Traumlosigkeit verwehren könnte. In diesem, ihrem ersten Traum der vergangenen Nacht saß sie selbst als eben dieses Mädchen mit ihrem dunkelblonden Lockenhaar auf diesen Stufen und spielte mit einem aus Holz geschnitzten Pferd. Am Morgen beim Frühstück noch hatte sie keinerlei Erinnerung daran, überhaupt etwas geträumt zu haben, aber hier war es plötzlich bildlich vor ihren Augen. In ihrem Traum waren die Stufen, auf denen sie spielte, aus italienischem, grauweißem Carrara-Marmor und die Geländer an der Treppe hellweiß. Hier vor ihren Augen war der Stein stumpf und das Geländer rostig, der weiße Lack war abgeblättert. An diesem Tag begann sie in eigentümlicher Weise zu verstehen, dass sie die Klinke des eisernen Tores ein weiteres Mal betätigen muss, und dass sie das Tor bei diesem Mal dann auch öffnen wird.


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Heute ist sie allein hier am Tor. Heute ist der sechste Tag. Die Kinder sind schon allein zum Strand vorgelaufen. Ihre älteste Tochter Stefka hat ihr versichert, dass sie gut achtgeben wird, auf ihre beiden Halbgeschwister. Nun steht sie hier vor der von kniehohen Sträuchern annektierten Einfahrt aus feinem ockerfarbenem Kies. Sie drückt die Klinke hinunter und öffnet das Tor. Die alten Torscharniere quietschen verräterisch laut, sodass sie es am liebsten gleich wieder zuziehen wollte und unauffällig ihres Weges zu ziehen gedachte, aber mit einem schnellen Schritt schlüpft sie durch den offenen Torspalt und im nächsten Augenblick ist sie schließlich drin. Kurz aber nicht ganz und gar schmerzlos, denn an ihrer Brust hat sie sich prompt zwei Kratzer von einem Sporn. den sie am Tor streifte, eingefangen. Knarrend fällt das schmiedeeiserne Tor wieder ins Schloss, während sie groteskerweise auf Zehenspitzen über den unkrautbedeckten Kiesweg zur Treppe tippselt. Der Seewind rauscht durch die Eichenwipfel über ihr. Elf Stufen. Dann steht sie zwischen den Säulen.

Aus der Nähe betrachtet präsentiert sich die Tür plötzlich sehr viel weniger einladend, als es ihr von der Straße aus erschien. Der Zustand des alten Holzes ist bedauernswert. Die filigranen Glasscheiben, die die Tür einst verziert haben müssen, sind schon lange herausgebrochen. Scherben von buntem, staubbedecktem Glassplittern und Schutt bedecken den Boden davor. Die Fensteröffnungen sind mit Holzplatten verschlossen. Einzig der Türgriff scheint erst kürzlich erneuert worden zu sein. Vorsichtig schreitet sie näher. Dann greift sie den runden, apfelgrossen Knauf aus Messing und dreht ihn langsam nach rechts.

Verschlossen. Natürlich verschlossen, was hätte sie denn auch erwarten können. Der Besitzer der alten Villa hat sicher nicht vorhergesehen, dass sie ihn heute besuchen käme, und er hat das Haus natürlich verschlossen, als er es verließ. Wann mag das wohl gewesen sein? Was war der Grund dafür, dass er seit Jahren, wohl schon seit Jahrzehnten nicht mehr zurückgekehrt ist. Wie gerne würde sie mehr über diese alte, verlassene Villa hier zwischen den bestimmt schon hundertjährigen Eichen erfahren. In Gedanken verloren dreht sie sich wieder zur Straße. Am Treppenabsatz hält sie kurz inne. Gedanklich reist sie in der Zeit um ein paar Jahrzehnte zurück. Dabei schreitet sie die elf Stufen ein wenig mit den Hüften wippend wieder herab, als sei sie die Diva auf einer Showtreppe. Wie es wohl war, als dieser Ort noch bewohnt war, als damals die Dame dieses Hauses diese Stufen hinabstieg, vielleicht in einem langen Kleid, in hohen, sündhaft teuren, vielleicht sogar goldenen Schuhen, während ein Cabriolet mit Chauffeur und geöffneter Tür auf sie wartete. Es war ein erregender Gedanke. Ihr pocht plötzlich spürbar das Herz. Sie verspürt gleichwohl eine merkwürdige Mischung aus Erleichterung einerseits aber auch aus Enttäuschung darüber, dass ihre Erkundung hier an der Tür scheinbar schon zu Ende sein sollte. Zum Strand sind es von hier knapp zehn Minuten Fußweg und sie sollte sich beeilen, um die Kinder nicht zu lange allein zu lassen.


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Am nächsten Morgen fand sich der Himmel mit dicken Wolken verhangen, sodass Strandbesuch an diesem Tag zunächst ausfiel, und sie nach einem alternativen Urlaubsprogramm suchen mussten. Ein kleines Museum, eine Art Heimatmuseum, das direkt an dem kleinen Fischereihafen nur unweit vom Strand liegt, überbrückt nun den Vormittag. Es gibt dort das Wrack eines alten Fischkutters, das die Kinder fasziniert, es gibt allerlei Kleinod und es gibt eine lange Glasvitrine mit Fotos der Region aus vergangenen Zeiten. Eines der Fotos nimmt sie sofort in seinen Bann. Es ist eine vergilbte grauweiße Fotografie der elf Stufen. Sie entdeckte es gerade und erkannte es inzwischen den ungezählten kleinen gerahmten Bildern auf den ersten Blick. Wieder pocht ihr das Herz und sie versteht gar nicht so Recht warum überhaupt. Wie schön dieses Foto doch ist. Und besonders, wie schön sie doch war, so wie sie dort oben am Treppenabsatz stand, mit dem Rücken an die Rechte der beiden Säulen angelehnt. Das Glas der Tür hinter ihr war im Jugendstil gefertigt, bunt und geschnörkelt. Es bildet in dieser asymmetrischen Bildperspektive, aus der es aufgenommen wurde wie zufällig, oder vielleicht auch wie gewollt einen passgenauen Rahmen um die Silhouette ihres Körpers. Sie stand auf ihrem rechten Bein und hatte das linke angewinkelt mit ihrem Fuß an der Säule gelehnt. Ihr Blick galt nicht der Kamera, sondern schien ziellos in die Ferne gerichtet. Wie gedankenverloren, wie melancholisch, wie sinnlich, an diese Attribute denkt sie zuerst beim Betrachten dieser kleinen alten Fotografie. Wie unbeschwert und leicht muss sich das Leben damals wohl angefühlt haben, möchte sie gern glauben. "G. I. Lesky, Photographie am Herrenhaus, 1914" ist auf einem kleinen, gelblichen Pappschildchen, in Schreibmaschine geschrieben, unter dem Foto zu lesen.

»Mama du musst dir das ansehen!« Stella, ihre kleine Tochter, zerrt an ihrem Arm. Kinder sind manchmal eben einfach unerbittlich. Sie muss ihr auf der Stelle folgen. So holt Stella sie unsanft aus ihrem kurzen Tagtraum und zieht sie schließlich von der Vitrine weg.


Später am Nachmittag blies der Seewind die Wolken über dem Strand beiseite und sie ging ganz bewusst den kurzen Weg zur Ferienwohnung hin und wieder zurück zum Strand, um die Badesachen zu holen, während die Kinder am Strand blieben und Stella und Steven schon im Sand herumtollten. In der Spätnachmittagssonne döste sie im Gleichklang des Wellenrauschens vor sich hin. Sie grub ihre Füße in den Sand und versuchte zu ergründen, warum sie von dieser Unruhe durchströmt war, seit sie das Foto in dem Museum betrachtet hatte. Sie spürte eine tief in ihr schlummernde Sehnsucht, eine Antwort auf eine Frage zu finden, welche sie selbst noch nicht einmal genau kannte.

Nun ist es gleich halb sieben und sie sind alle vier dabei die Sachen zu packen, um den Strand zu verlassen. Sie fühlt Unmittigkeit. Es kann nicht sein, dass sie ihre Kinder wegen eines zufälligen Hirngespinstes um ein fremdes, altes Haus in diesem Urlaub nun schon mehrfach vernachlässigt. Sie erwischte sich vorgestern selbst dabei, dass sie ihnen gegenüber beinahe schon unaufmerksam war, während sie ihren Gedanken nachhing. Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass Steven seit zwei Tagen am Strand auf das Mädchen aus dem benachbarten Strandkorb ein Auge geworfen hatte. Erst das Getuschel seiner Schwestern beim Zusammenpacken setzte sie überrascht ins Bild.

Dann hatte sie die Wohnungsschlüssel ihrer ältesten Tochter in die Hand gedrückt und die Kinder schon mal zum Duschen auf dem direkten Weg zum Ferienapartement geschickt. Mit einem latenten, schlechten Gewissen betritt sie nun einem kleinen Supermarkt hinter der Strandpromenade, um schnell noch ein paar Zutaten für das Abendessen zu besorgen.

Dieses schlechte Gewissen, das sie gerade wieder umfliegt, ist ihr scheinbar seit Jahren schon ein ständiger Begleiter. Lange Zeit war es unterbewusst. In der Zeit in die sie ihre eigenen Gefühle ordnen musste, nachdem sie sich von Eugene, dem Vater von Stella und Steven, trennte, hatte sie keine hinterfragenden Gedanken dafür. Dennoch war es seitdem in ihr, spätestens seitdem, wenn nicht schon viel länger. Immer öfter wird ihr bewusst, wie dieses schlechte Gewissen sie emotional herab zieht, wie sie in einem zähen Brei von Verantwortung und Schuldgefühl watet, ohne vorwärts zu kommen. Im Grunde fühlte sie sich wohl schuldig an allem, aber sie will nicht schuldig sein. Sie möchte so gern aus diesem Alltag ausbrechen, wenigstens für eine gewisse Zeit, für eine Auszeit in Leichtigkeit und Unbeschwertheit.

Zum Abendessen hatte sie den Kindern Spaghetti Bolognese versprochen. Mit einem Strauch Tomaten, Hackfleisch vom Rind und Zwiebeln in ihrer Tasche kommt sie nun wieder am Tor der alten Villa vorbei. Nochmal ein Blick im Vorbeigehen erhaschen, und die Gedanken durch den wuchernden Garten fliegen lassen, aber nicht zu lange aufhalten, keine Zeit mehr wollte sie verschwenden. Doch dann bleibt sie doch stutzend davor stehen. Das Tor ist an diesem Abend ganz überraschender Weise offen. Sie erschrickt beim ersten Blick zu den elf Stufen, denn nun sieht sie auch zum ersten Mal jemanden vor dem Haus. Ja, sie hat sich nicht getäuscht, ein kleines Mädchen sitzt dort in der Mitte, auf der Treppe. Das Mädchen muss ungefähr sieben oder acht Jahre alt sein, so schätzt sie aus der Ferne. Sie spürt sofort das Bedürfnis zu erfahren, wer das kleine Mädchen ist, und warum sie dort sitzt. So geht sie, ohne weiter zu überlegen hinein. An den elf Stufen setzt sie sich neben das Mädchen und schaut ihr aufmerksam beim Spielen zu. Das Mädchen hat sie wohl bemerkt, aber es beachtet sie nicht. »Wie heißt du?«, fragt sie das fremde Kind schließlich.

»Ich heiße Ginger, - und du?«, antwortete die Kleine, ohne zu ihr hoch zusehen.

»Ginger, das ist ein wunderschöner Name, meiner ist Serafina.«

»Das bedeutet, dass du Feuer in dir hast!«, bemerkt das Kind sogleich. Die vorwitzige Antwort der kleinen Ginger überrascht ihre Besucherin sichtbar.

»Ja das stimmt. Woher weißt du das denn?«

»Meine Tochter heißt auch Serafina, genauso wie du.«

»Deine Tochter?«

»Ja«, bestätigt Ginger, immer noch ohne sie anzusehen.

Sie beugt sich ein wenig in Richtung der kleinen Dame. »Du meinst bestimmt deine Puppe, oder?«

»Wie kann denn eine Puppe meine Tochter sein?« Ginger fasst sich altklug an den Kopf. »Hast du auch eine Tochter?«

»Ja, ich habe sogar zwei! Zwei Mädchen und auch noch einen Jungen«, antwortet Serafina mit wachsender Verwunderung über das kleine Mädchen.

»Sind sie Puppen?«, fragt Ginger schnippisch.

»Nein, sie sind meine Kinder«, beteuert Serafina, und zeigt dabei bekräftigend auf sich selbst.

»Siehst du? Genauso ist es bei mir auch«, triumphiert Ginger und schaut erst jetzt zu Serafina hinauf. Der erste Anblick in das Gesicht der kleinen Ginger versetzt Serafina einen plötzlichen Stich ins Herz. Das Mädchen, besonders das Gesicht dieses Mädchens erscheint ihr auf den ersten Blick in wundersamer Weise so vertraut, als wäre Ginger ihr eigenes Kind. Sie weiß, dass sie Ginger noch nie gesehen haben kann, aber es kommt ihr vor, als müsste dieses kleine Gesicht an jedem einzelnen Tag ihres Lebens gegenwärtig gewesen sein. Für einen Moment kann Serafina kein Wort entgegnen. Schließlich fasst sie sich wieder und fragt: »Magst du mir deine Tochter denn nicht mal zeigen, Ginger?«

»Serafina ist im Haus«, antwortet Ginger während sie sich wieder in ihr Spiel vertieft. »Geh doch rein, die Tür ist offen.«

»Aber ich kenne dein Haus doch gar nicht, ich kann doch nicht so einfach hineingehen.«

»Doch du darfst, geh schon!«

»Möchtest du nicht mit mir hineingehen, Ginger?«

»Nein, ich habe zu tun, das siehst du doch!«

Serafina zögert einige Sekunden und blickt zur Tür. Erst jetzt erkennt sie, dass die Tür ein Spalt offen steht. Ihr pocht das Herz, aber sie will ihre innerliche Aufruhr der Kleinen auf keinen Fall zeigen. »Ok, wenn du meinst, passt du solange auf meine Tasche auf?«, bittet sie die kleine Ginger schließlich, dann steht sie auf und geht hinein.

Was sie hinter der Türschwelle zu sehen bekommt, verschlägt ihr zuerst einmal die Sprache. Sie glaubt sich urplötzlich in eine andere Zeit versetzt. Als erstes fällt ihr der übermächtige Kronleuchter ins Auge, der über der Mitte dieser Empfangshalle schwebt. Dann sind es die monströsen Treppenaufgänge rechts und links, die den lichtdurchfluteten Durchgang zum dahinter liegenden Salon einrahmen. Die aus purpurnem und goldenem Brokat bestehenden Wände werden von elfenbeinfarbenen Stuck in filigranen Ornamenten an der kuppelartigen Decke begrenzt. Es gibt keine Ecken in dieser Halle, und scheinbar auch keine Fenster, aber der Raum ist dennoch hell erleuchtet. Das Mosaik aus weißem und schwarz glänzendem Marmor repetiert den Artdeco-Stil des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. In der Mitte des Raumes steht ein schwerer, runder Tisch aus spanischer Zeder, dessen Intarsien das Mosaik des Bodens en miniature zu wiederholen scheinen. Auf der Tischfläche entdeckt sie ein leeres Blatt Papier, das aus einem Tagebuch herausgerissen zu sein scheint. Serafina geht langsam auf den Tisch zu und nimmt das Papier in die Hand. -I4.8.5:oc- steht dort in breiter, blauer Tinte zu lesen. Serafina fröstelt es. Sie hat weiche Knie und traut sich kaum zu atmen, so überwältigt ist sie von diesem so merkwürdigen Ort. Es ist totenstill. "Hallo? Ist jemand da?", fragt sie leise in die Stille. Aber sie erhält keine Antwort. Beim Blick zurück durch die Eingangstür wird sie von der durchscheinenden Sonne geblendet, sodass sie dahinter in dem Moment nur weißes Licht erkennen kann. Fast hätte sie darüber vergessen, warum sie hier hineingegangen ist. Die kleine Ginger hatte sie ja dazu aufgefordert, um ihre Tochter zu sehen, oder was sie auch immer als echte Tochter einer Achtjährigen zu verstehen hat. Aber hier scheint dennoch außer ihr selbst niemand zu sein. Serafina geht zurück zur Tür, um Ginger nochmal zu fragen, wo sie ihre mysteriöse Tochter namens Serafina denn finden könnte.

Es muss ein plötzlicher Windhauch gewesen sein, der die Tür hinter ihr wieder ins Schloss fallen ließ, als sie zum Treppenabsatz kam. Im Schreck darüber dreht sie sich um, und murmelt nur: »Oh Mist!« Dann blickt sie die elf Stufen hinab, aber Ginger ist nicht mehr da. Nur ihre eigene Tasche steht noch auf der Treppe. »Ginger? Wo bist du?«, ruft sie leise, und stellt sich suchend umherblickend auf die Zehenspitzen. »Ginger!« wiederholt sie etwas lauter. Dann geht sie die Treppe hinunter, greift ihre Tasche und möchte schon um das Haus herumgehen, um dort nach Ginger zu suchen.

»Hallo, junge Frau, würden sie bitte sofort herauskommen? Das Betreten dieses Geländes ist verboten!«

Serafina dreht sich erschrocken um. Am Eisentor steht ein Streifenpolizist, der sie breitbeinig, eine Hand entschlossen in die Hüfte gelegt und mit der anderen winkend auffordert, unverzüglich zu ihm zu kommen. »Oh, das wusste ich nicht«, stottert Serafina erschrocken. »Aber es war offen und da war ein Kind am Eingang.«

»Wir werden uns darum kümmern. Dürfte ich bitte mal Ihren Personalausweis sehen.«

Serafina kramt nervös ihr Portmonee aus der Tasche. »Ich bin Serafina Sylvan, sie müssen mir glauben, da war ein kleines Mädchen, aber jetzt ist sie weg.«

»Kinder dürfen hier auch nicht rein«, erklärt der Beamte der örtlichen Streifenpolizei und mustert das Dokument kritisch. »Ihr Name ist Sylvan?« Der Polizist schaut Serafina stutzend an. »Sie verbringen hier ihren Urlaub?«, fragt er feststellend gleich hinterher,

»Ja, warum?«

»Schon gut, Frau Sylvan.« Er schüttelt scheinbar kurz den Kopf und reicht Serafina dann ihren Ausweis zurück. »Genießen sie ihre Ferien, aber betreten sie hier in Westersee bitte keine Privatgrundstücke mehr. Dieses Gebäude ist einsturzgefährdet. Der Zutritt ist hier strengstens verboten.«

»Ja, aber...«

»Bitte gehen sie jetzt, sonst muss ich ihre Personalien aufnehmen und sie verwarnen«, unterbricht er sie harsch. Serafina dreht sich davon eingeschüchtert zum Tor und verlässt nun beinahe eilig das Grundstück.

»Schauen sie bitte nach, ob das Kind noch da ist, sie heißt Ginger und ist etwa acht Jahre alt.« Dann geht sie, ohne sich noch einmal zum Haus umzudrehen, in schnellen Schritten die Straße hinauf zu ihrem Ferienapartement. Serafina ist verstört. Warum behauptet dieser Polizist, das Haus sei einsturzgefährdet. Sie hat es doch selbst von innen gesehen, und es war doch im besten Zustand. Was ist da gerade passiert? War das Wirklichkeit, oder hat sie etwa gerade eben halluziniert? Alles was gerade geschah, passt so wenig zusammen, als wäre es ein solcher wirrer Traum gewesen, von denen sie bereits erzählt bekam. Ein Traum, dessen Absurdität man erst in der Erinnerung erkennt. Aber Serafina hat nicht geträumt, den Beweis hält sie immernoch in der Hand. Vor Anspannung hatte sie die ganze Zeit ihre linke Hand zur Faust geballt. Und erst jetzt bemerkt sie, warum. Sie hat den Zettel, den sie im Haus vom Tisch genommen hat, die ganze Zeit in ihrer Hand zusammengeknüllt festgehalten. Serafina bleibt augenblicklich mitten auf der Straße stehen und öffnet langsam die Faust. .5:oc kann sie in dem Papierknäul erkennen. Es war also keine Halluzination, und dann war auch die kleine Ginger keine Einbildung. Serafina legt den Zettel in ihr Portmonee und läuft mit zitternden Knien weiter. Sie hat das Bedürfnis zu rennen, aber sie glaubt in ihrer Aufgewühltheit würde sie sicher stolpern. Einmal noch um die nächste Ecke und dann ist sie am Apartment.


»Ihr seid ja noch gar nicht geduscht. Ihr macht mich echt wütend! Was habt ihr eigentlich die ganze Zeit gemacht?« Serafina ist verärgert, weil alle drei Kinder ihre Abwesenheit nur dazu genutzt haben, mit ihren Handys zu spielen, und wieder mal nicht getan haben, was sie tun sollten, nämlich duschen und frische Sachen anziehen.

»Ich möchte einmal erleben, dass hier das getan wird, was ich euch sage.«

»Wir sind auch grad erst reingekommen, Mama! Mecker doch nicht immer gleich so«, rechtfertigt sich Stefka sofort.

Stefka ist im Gegensatz zu ihren Geschwistern kein Kind mehr, sondern inzwischen eine junge Frau im Alter von siebzehn Jahren. Neben ihrer Mutter und ihren Halbgeschwistern erscheint sie bisweilen wie aus einem fremden Ei. Stefka kann man auf den ersten Blick und im klassischen Verständnis nicht als Schönheit bezeichnen. Zu ihrer schmalen, fast etwas zu dünnen Figur hat sie einen blassen, androgynen Gesichtsausdruck. Zu Serafinas Leidwesen erkennt sie in Stefkas Gesichtszügen viel zu deutlich Svenson, den Schweden wieder. Stefka ist das Kind einer jugendlichen Dummheit, zu welcher sich Serafina in einem Urlaub hinreißen ließ. Es geschah vor genau achtzehn Jahren in einer Bar in Porto und mündete in einer gefährlichen Liaison mit Svenson Sandström, dem Schweden. Diese Begegnung mit Svenson sollte für Serafina alles verändern. Für fünfunddreißig Tage raubte er sie aus ihrem Leben heraus und entführte sie in eine ihr bis dato fremde Welt. Sie war damals neunzehn, der Schwede war neununddreißig. Serafina hatte damals schlicht und einfach einmal vergessen, die Pille zu nehmen und bekam Stefka, die Tochter des Schweden. Als Serafina mit Svenson schlief traute sie sich nicht, ihm ihre Fruchtbarkeit zu beichten, sie hoffte in ihrer Unschuld, dass schon nichts passieren werde. Das Glück der Unschuld hatte in dieser Zeit keine Chance. Der Schwede nahm sich Serafina, wie es ihm gefiel, mehrmals am Tag und in jeder Nacht, bis er einfach in ein Flugzeug stieg und nie mehr zurückkehrte. Serafina hat nie erfahren, warum er weg flog und wo sein Flugzeug landete, doch für sie kam es einem Absturz gleich. Lange versuchte sie seinen Namen aus ihrem Gedächtnis zu tilgen, nannte ihn in ihren Gedanken nur 'den Schweden'. Im März des folgenden Jahres kam Stefka zur Welt. Schon als Baby war sie dem Schweden wie aus dem Gesicht geschnitten. Stefka hat ihren Vater nie kennengelernt. Serafinas spätere Ehe mit Eugene und die Geburt von Steven und Stella veranlasste Stefka immer öfter, nach ihrem leiblichen Vater und nach ihrer eigenen Identität zu fragen, und immer häufiger waren ihr die Erklärungen ihrer Mutter nicht ausreichend. Immer mehr fühlte sich Stefka als Stiefkind, als Fremde in der eigenen Familie. Serafina weiß heute, dass sie viel zu spät erkannt hat, wonach Stefka gesucht hat, aber unmöglich hätte sie einer Fünfzehnjährigen von ihren Erlebnissen mit dem Schweden erzählen können. Eine Scham mit beinahe fatalen Folgen. Zum Glück fand sie Stefka gerade noch rechtzeitig, als diese vor zwei Jahren versuchte, mit Hilfe von zwanzig Schlaftabletten ihrer Suche nach sich selbst ein Ende zu bereiten. Aber seit letztem Jahr, seit ihrer Trennung von Eugene, hat Serafina wenigstens das Gefühl, dass sie und Stefka sich wieder näher kommen.

Serafina vermeidet um der Urlaubsharmonie Willen eine langatmige Diskussion gegen drei Kinder, die zu keinem Ergebnis führen würde und teilt Stella, Steven und Stefka in kurzen Anweisungen auf Bad, Schlafzimmer und Küche auf, um für Ordnung und Essen zum Tagesausklang zu sorgen. Ihre Gedanken an die merkwürdige Begegnung an den elf Stufen, wenige Stunden zuvor, ertränkt sie an diesem Abend in vier Gläsern Gin Tonic. Gegen zwölf geht Serafina zu Bett. Stefka tippt abwesend auf ihrem Handy herum und die beiden Kleinen schlafen schon fest.















-2-





Als Serafina erwachte und die Augen öffnete, konnte sie nichts sehen, denn etwas kühles, seidenes lag über ihrem Gesicht. Als sie es wegnehmen wollte, könnte sie sich nicht rühren, denn etwas ledernes umschloss ihre Arme und hielt sie fest. Doch Serafina erschrak darüber nicht, es bereitete ihr keine Angst. Was sie wahrnahm, war ihr noch vertraut. Sie glaubte es vergessen, war die Erinnerung doch schon so blass. Doch als wäre eine geheime Seite eines alten Buches aufgeschlagen worden, kehrte es nun augenblicklich zurück, dieses Gefühl. Es kehrte nicht nur zurück, dieses fast vergessene Gefühl, es brach plötzlich aus dem Nichts über sie hinein, wie eine Welle in der Brandung, die sie plötzlich mitreißt und deren Wucht sie nichts entgegen setzen kann, außer sich ihr hinzugeben. Sie zog an dem Ledernen, das sie hielt und drehte ihren Kopf unter dem Seidenen, dass sie bedeckte, um sich zu orientieren und um den Freiraum zu erkunden, den man ihr gestattete. Genügend, um nicht gleich zu verkrampfen, zuwenig um aus der ihr zugewiesenen Position zu entkommen. Serafina fand sich auf ihrem Rücken liegend. Ihre Beine waren angewinkelt und ihre Arme zu beiden Seiten gestreckt. In solcher Weise auf einem Tisch drapiert, wurde Serafina vollkommen bedeckt mit einem Laken aus feiner Seide. Unter dem Laken war sie nackt. Der Stoff umschmeichelte ihre Haut wie ein schützender Kokon, wenngleich dieser nur zuletzt zu ihrem Schutz ausgelegt war. Des Tuches Bestimmung war vielmehr, ihre Enthüllung zu zelebrieren, ihre Präsentation zu inszenieren. Serafina war sich dessen wohl bewusst, und die Erwartung auf diesen Augenblick entfachte wohliges Kribbeln in ihr. Sie wusste, das Tuch würde bald schon von ihrem nackten Körper gezogen und sie offenbaren, um sie zu bewundern und zu begehren, wie ein Kunstwerk in einer Vernissage. Serafina wollte nicht fragen und auch nicht versuchen zu vermuten, wo sie war, wer sie zu enthüllen vermochte, oder wem sie danach dargeboten wäre. Sie lies keine Furcht darüber zu, was dann mit ihr geschehen könne. Sie verlor sich allein in der gespannten Erwartung auf etwas, was man für sie vorgesehen hatte, ohne dass man sie fragen würde oder sie gar Einfluss auf das Kommende nehmen könne. Serafina spannte die Muskeln an und atmete tief. Das Gefühl, das vergessene, entzündete langsam wieder dieses Feuer der Hingabe, das schon so lange nicht mehr in ihr brannte. Im Rhythmus ihres Atems legte sich die Seide dicht auf ihr Gesicht und hob wieder leicht ab. Mit jedem Atemzug rieben sich auch ihre Brüste an ihrer seidenen Verhüllung, dort wo ihre Spitzen immer härter wurden und sich als deutliches Kennzeichen unter dem Tuch abzeichneten. Serafina erwartete warten zu müssen. Manchmal war das Warten qualvoll, manchmal war es qualvoll schön, oft war es qualvoll lang, so erinnerte sie sich. Dieses Warten war niemals in Zeiteinheiten zu fassen. Gemessene Zeit spielte keine Rolle.

Ob es Minuten oder Sekunden waren, oder ob es Stunden dauerte, bis sich ihr endlich deutlich hörbar Schritte näherten, vermochte sie nicht einzuschätzen.

Dann roch sie sein Aftershave. Nach so vielen Jahren! Seitdem er sie verlassen hatte, hatte sie diesen Duft nie mehr wahrgenommen. Ein Hauch dieses Aromas reichte ihr, um ihr seine Gegenwart zu beweisen. Es wird wieder so sein, wie es damals war, so glaubte sie. In seinen Armen wird sie wieder wachsweich, unter seinen Händen wird sie wieder schmelzen, so ersehnte sie es.

Die Schritte verstummen schließlich. Ein Schalter wird betätigt und Licht auf sie gerichtet. Serafina kann nun etwas sehen. Hunderte kleine Sterne funkeln durch die Seide über ihrem Gesicht. Der Stoff über ihrem Gesicht ist hauchdünn. Seine Transparenz lässt es zu, dass sie nun die Konturen des sie Umgebenden erahnen kann. Sie erkennt in den Lichtern zuerst einen großen Lüster direkt über ihr. Ein riesiger Kronleuchter. Ein erschreckter Gedanke durchdringt sie wie ein plötzlicher Blitzschlag aus heiterem Himmel. Serafina ertastet sogleich nervös den Rand des Tisches, soweit ihre Bewegungsfreiheit es zulässt. Sie ertastet drei untereinander liegende Kanten und einen abgerundeten Rand. Der runde Tisch! Ihr fährt ein Schreck durch alle Glieder. Sie weiß jetzt, wo sie sich tatsächlich befindet. Serafina liegt auf dem antiken, runden Tisch aus Zedernholz inmitten der großen Halle. Sie ist wieder in der alten Villa.

Serafina schaudert. Was sich für sie im Dunklen so überraschend vertraut und geborgen anfühlte, wendet sich mit dem Licht abrupt ins beklemmende Gegenteil. Wie komme ich überhaupt hier her? Wer ist sonst hier? Diese eiskalten Fragen drängen sich vor alle vorherigen warmen Erinnerungen an die Leidenschaft. An die Stelle ihrer gespannten Erwartung tritt langsam aufsteigende Panik. Serafina dreht den Kopf in alle Richtungen. Sie ist nicht allein. Da sind gesichtlose Schatten um sie herum. Es sind vier Gestalten, vier Männer, einer an jeder Seite, ein Dritter hinter ihrem Kopf und der Vierte vor ihr, also zwischen ihren weit gespreizten Beinen. Alle vier murmeln gleichzeitig unverständliche Worte, als würde jeder von ihnen in seiner eigenen Sprache nur mit sich selbst sprechen.

Serafina schreit auf, aber kein Laut entweicht ihrer Kehle. Sie will zerren, aber ihre Arme rühren sich nicht.

Schließlich greifen die vier Männer nach dem Tuch. Nun wäre geboten, die Nackte einem Ritual angemessen zu enthüllen und den Stoff langsam von ihrem Körper gleiten zu lassen. Mitnichten geschieht es so, vielmehr zerrt jeder der vier Kontrahenten an seiner Ecke des Tuches, wie vier Hyänen, die sich um eine Beute streiten. Sie zerren bis das Tuch zerreißt. Serafina hat das Gefühl, sie selbst würde in vier Teile gerissen. Ihrer Verhüllung schließlich beraubt, reißt sie die Augen angsterfüllt weit auf, und sieht zuerst den Mann, der ihr gegenüber steht. Derjenige dem ihre Körpermitte dargeboten ist. Er ist ein Mann, dessen Gesicht sie bereits kennt. Er ist der Polizist, der sie zuvor auf diesem Grundstück erwischt hat. Serafina wird heiß und kalt. Helfen sie mir, will sie ihm zuschreien, aber sie kann sich selbst nicht hören. Dann starrt sie im Wechsel die beiden Männer rechts und links von ihr an und glaubt ihren Augen nicht trauen zu dürfen. Rechts von ihr steht Eugene, der Vater von Steven und Stella, und zu ihrer Linken steht tatsächlich Svenson, der Schwede, der Vater ihrer Tochter Stefka. Skurrilität schlägt im Augenblick irgendwie die Bedrohlichkeit in die Flucht. »Na Prima, das ist ja mal eine illustre Gesellschaft«, murmelt Serafina und hört sich nun wieder selbst sprechen. »Was habt ihr mit mir vor?« Keiner der drei antwortet ihr.

Die vierte Person, der Mann hinter ihr, greift nach ihr, bevor Serafina Gelegenheit hat, ihn anzusehen. Er zieht sie mit beiden Händen über den Tisch zu sich, bis Serafinas Kopf über die Tischkante hinaus ragt und ihr Haar zum Boden herab fällt. Dann zieht er ihren Kopf ruckartig an ihrem Haar in den Nacken. Serafina entfährt ein kurzes, abruptes Stöhnen. Kopfüber schaut sie ihm nun ins Gesicht. Das Gesicht dieses Mannes hat Serafina noch nie gesehen. Er beugt sich langsam zu ihr herunter.

»Deine Zeit ist gekommen, Ginger«, flüstert ihr der Unbekannte zu.

»Was wollen sie? Ich heiße nicht Ginger, ich bin Serafina!«, berichtigt sie ihn mit zitternder Stimme.

Der Fremde ignoriert ihre Antwort und hebt beide Arme hoch über seinen Kopf. Dann sieht Serafina das Stilett in seinen Händen. Die schmale Klinge funkelt im Licht des Lüsters. »Nein nicht... ich bin nicht Ginger, bitte nicht!« Serafina schreit in panischer Angst, und versucht sich aufzurichten. Aber sie kann nicht. Eugene drückt ihren Arm rechts und Svenson den anderen links fest auf den Tisch. Der Unbekannte richtet das Stilett über ihrer Brust senkrecht auf sie hinab, dann greift der Polizist die Hand des Fremden. Als nächstes greift Eugene zum Dolch und schließlich legt Svenson seine freie Hand oben darauf. Mit diabolischem Lachen blicken alle vier auf Serafina herab. Serafina schreit und zerrt in Todespanik. Dann senken sich die Hände gemeinsam auf sie hinab und das Stilett und bohrt sich tief in ihre Brust. Serafina spürt nicht mehr als einen dumpfen Schlag. Sie starrt nur in die grünlich leuchtenden Augen des Polizisten, der nicht hier ist, um sie zu schützen. Im Gegenteil. Der Fremde zieht das Messer langsam aus ihrer Brust und hebt seine Hand wieder hoch über sie. Serafina sieht nun keine einzelne blitzende Klinge eines Dolches mehr. Anstelle dessen sieht sie nun fünf lange Krallen an seinen Fingern von welchen ihr eigenes Blut auf sie herab tropft. Serafinas Männer lassen von der Hand des Fremden ab. Aus ihrer Brust quillt das Blut langsam und geräuschlos, wie roter Sirup heraus.
»Nun Ginger, nun wirst du eins mit mir«, tönt der Fremde über ihr. Dann dringt seine Hand abermals in sie ein, Seine Krallen durchbohren Serafinas Brust und seine Hand umgreift ihr Herz. Serafina spürt keinen Schmerz. Aber sie fühlt eine fremde, innere Kälte, sie spürt seine Hand in sich. Sie fühlt, wie die kalte sie durchschneidende Hand sich um ihr pochendes Herz legt. Ihr schlagendes Herz pumpt ihr Blut wie dicke rote Lava in kleinen Eruptionen aus der Wunde. »Nicht Ginger!«, röchelt sie ihren Peinigern zu. Langsam wird ihr weiß vor Augen, sie sieht Schnee um sich, alles verschwimmt. Plötzlich hört Serafina eine Stimme. Es ist Stefkas Stimme. Grell aufleuchtendes Licht blendet sie.

»Mama, was hast du denn? Ist alles klar?« Stefka steht mit sorgenvollem Blick in Serafinas Schlafzimmertür und hat das grelle Deckenlicht eingeschaltet. Serafina schreckt hoch und schaut ihre Tochter an, als würde sie gerade ein Geist sehen.

»Alles gut, Mama! Du hast nur schlecht geträumt.« Stefka nimmt das Bettlaken vom Boden und hält es hoch, um ihre Mutter damit wieder zuzudecken.

Serafina ist nass vor kaltem Schweiß. »Was?, was ist?«, stammelt sie ins Leere und hält sich die Hand auf die Brust. Dann schaut sie in ihre Hand und schließlich fragend zu Stefka.

»Leg dich wieder richtig ins Bett, Mama. So fällst du ja gleich raus! und dann schlaf wieder! Es war nur ein Traum.«

»Oh, ja, geträumt. Bitte entschuldige Schatz. Ich wollte dich nicht wecken.« Serafina robbt langsam durch ihr Bett zurück in die richtige Liegeposition.

»Schon gut, schlaf jetzt gut, Mama.« Stefka legt ihr die Decke wieder über die Beine, löscht das Licht und schließt im Herausgehen die Tür.

Serafina greift sich im Dunklen nochmal prüfend auf die Brust. Ihr Puls pocht in ihren Adern, ihr Herz rast. Sie atmet schnell. Serafina lässt sich schließlich ins Kopfkissen fallen schliesst die Augen und stammelt leise: »Nur ein Traum, ich bin nicht Ginger.« Eine Träne rinnt langsam an ihrer Wange herab und versiegt im Kopfkissen.


*


Mit der ersten Sonnenstrahlen, die sich an den halb zugezogenen Vorhängen vorbei stehlen, wird Serafina unsanft geweckt. »Mama, Mama, du musst aufstehen, Papa kommt doch jetzt.« Stella steht mit ihrem rotbraunen Kuschelhasen Anton unterm Arm an Serafinas Bett und rüttelt lautstark an ihrer Schulter. Schlaftrunken schaut Serafina auf ihre Uhr. »Stella, es ist sieben Uhr, Papa holt euch doch erst heute Mittag. Spiel etwas mit Steven, lass mich noch schlafen.«

»Der schläft doch noch, mir ist langweilig, Mama.«

»Ok, du darfst dir den Fernseher anmachen, aber sei leise und weck die Anderen nicht auf.«

Stella schlurft samt Hase Anton maulend wieder raus und lässt natürlich die Tür offen stehen, sodass Serafina nun den Ton vom Kinderkanal glockenklar unter die Bettdecke geliefert bekommt. Nochmal einschlafen ist fast unmöglich. Um acht schleicht sie sich schließlich an Stella vorbei ins Bad, um zu duschen.

Eugene wird heute nachmittag hierher kommen und Stella und Steven abholen. Die beiden Kleinen werden den zweiten Teil der Ferien mit ihrem Vater und bei ihren Großeltern verbringen. Serafina hat das Bedürfnis, wie aus dem Ei gepellt dazustehen, wenn Eugene hier aufkreuzt. Sie möchte sich den Stolz gönnen, dass er bereuen möge, was er mit ihr aufgegeben hat. Es geht ihr schließlich wunderbar und sie kommt blendend ohne Eugene zurecht. Sie weint ihm keine Träne nach, das ist ihre Parole dieses Tages. Sie wird ein Kleid anziehen, und hohe Schuhe. Ihr einziges Paar Ausgehschuhe hat sie extra für diesen Tag in den Koffer gepackt, genauso wie das rote Kleid, das ihre Hüften und ihren Busen so besonders betont.

Das Wasser prasselt schon seit einigen Sekunden in der Dusche und ihr Nachthemd glitt schon über ihre Hüften hinab auf den Boden, als sich ihr ungeschminktes Antlitz im Badspiegel repliziert. Im gleichen Moment, in dem sie sich selbst im Spiegel betrachtet, sieht sie in Gedanken die kleine Ginger von gestern wieder vor sich. Es war, als ob ihr eigenes Gesicht die Erinnerung an die Begegnung mit dem merkwürdigen Mädchen vom Vortag wieder einschaltete. Und wie in einem Doppelschlag hämmert im nächsten Augenblick auch die Erinnerung an ihren grässlichen Albtraum der letzten Nacht auf ihr diffuses Gedankenknäul ein. Warum hat sie plötzlich Träume? Was um alles in der Welt hat diesen verrückten Albtraum in der letzten Nacht in ihren Kopf gespült, und wer war die kleine Ginger wirklich? Serafina wird flau im Magen. Als sie in ihrer Nacktheit den Duschvorhang zur Seite schiebt, wird ihre Haut von warmfeuchten Wasserdampfschwaden umnebelt, die ihr für einen Moment fast den Atem nehmen. Das Duschwasser ist viel zu heiß. Das Kaltwasserventil fühlt sich unter dem heißen Regen wie ein Eisklumpen an. Serafina lässt ihren Körper langsam unter den Wasserfall gleiten und lehnt sich an der kühlen Kachelwand an. Heiß und kalt nebeneinander, genau wie in ihrem Traum. Der Anfang, die Erinnerung an das Aftershave und die Erinnerung an dieses tiefe Gefühl, wie auf einen Sockel gehoben zu werden, hat einen Sturm des Glücks in ihr entfesselt, wie sie es nur einmal erlebte. Aber wie durch eine sich plötzlich öffnende Falltür fiel sie von dort unvermittelt in ein dunkles Loch aus Entsetzen und Todesangst, wie sie dies noch überhaupt nicht kannte. Langsam gleitet sie an der Wand herunter und sitzt nun mit angekauerten Beinen in der prasselnden Dusche auf dem Boden. Erst sind es nur wenige, aber mit den Sekunden mischen sich immer mehr Tränen zwischen das sie umspielende warme Wasser. Vielleicht hilft einfach Weinen, um diesem schweren Kloß in ihr herauszuspülen.

Doch plötzlich steht Stella im Bad und schaut zur Dusche hinein. »Warum sitzt du da, Mama?« Serafina schreckt hoch und wischt sich eilig über das Gesicht. »Nur so«, stammelt sie sich fassend zurück. »Alles ok, Schatz. Mama hat nur Wasser in die Augen bekommen.« Sie stellt sich in die Hocke und dreht das Wasser ab. »Komm, wir putzen die Zähne und ziehen uns dann schnell etwas Schönes für Papa an.«

»Au ja, ich will das neue grüne Kleid anziehen.« Strahlend will Stella schon an ihren Schrank laufen.

»Hier geblieben junge Dame, erst wird Zähne geputzt!«

Serafina greift nach dem Handtuch und beginnt sich tupfend abzutrocknen. Jetzt erst bemerkt sie den dunkelroten Fleck über ihrer linken Brust, der gestern nicht da war. Sie erschrickt ein wenig darüber und beugt sich nahe an den Spiegel. Es tut nicht weh, aber die rote Stelle sieht merkwürdig aus, fast als wäre sie vernarbt. Ausgerechnet heute, jetzt kann sie das trägerlose Kleid nachher doch nicht anziehen. Wie so oft in ihrem Leben durchkreuzt wieder einmal eine Kleinigkeit ihre Pläne.


Und eine Kleinigkeit kommt leider selten allein. Eine Kleinigkeit später, nämlich am frühen Nachmittag ist es ein weiteres Mal ganz anders gekommen, als Serafina es für sich vorhersehen wollte. Pünktlich um 13:28 parkte Eugenes silbergrauer Mercedes vor der Tür des Appartements. Um 13:31 Uhr schallte die penetrant hohe Stimme Cunégonde Hofmanns, durch Serafinas karg eingerichtete Ferienbehausung. Eugene ist gar nicht an der Tür erschienen. An seiner Stelle erschien Cunégonde, Eugenes Mutter, die Großmutter von Steven und Stella. Serafina gelang es kaum, die unerwartete Begegnung mit ihrer Ex-Schwiegermutter, dem Quell ihres Unglücks, souverän abzuwickeln. Sie hatte sich überlegt, wie Eugene ihr begegnen würde und wie sie darauf reagieren könnte. Sie hatte darüber nachgedacht, was er sagen könnte und sich überlegt, was sie ihm entgegnen würde. Sie glaubte sich vorbereitet und - wurde kalt abgeblockt. An der Tür konnte Serafina zum Wagen unten am Straßenrand sehen, Sie hatte sehen können, dass Eugene im Auto sitzen geblieben ist. Innerlich kochte ihr das Blut vor Wut, weil er sich ganz offensichtlich davor drückte, ihr in die Augen zu sehen. Er vermied die Konfrontation mit ihr aus Feigheit vor der Wahrheit. Der Vater ihrer Kinder versteckte sich einmal mehr hinter seiner alles umarmenden Mutter. Diese impertinente Person mit ihrer fluffig weißgrauen Haarwolke auf dem Kopf, die sie gern ‚explodierendes Sofakissen‘ zu nennen pflegte. Eugene kauerte feige hinter dieser matriarchischen Person, die nie akzeptieren wollte, dass es im Leben ihres Sohnes einmal eine wichtigere Frau, als sie selbst geben müsste. Ja, sie hatte ihn fest im Griff, ihren Eugene. Niemals wird sie ihn freigeben, niemals, bis zu ihrem Tod nicht. Serafina nahm all ihre Fassung zusammen und konterte sein unmündiges Verhalten, wie es eben nur eine Frau tun konnte. Anstelle Steven und Stella an der Tür mit einem Kuss zu verabschieden, wie Eugene sich das sicher erhoffte, erlaubte sie sich, sein sicher gewähntes Terretorium zu verletzen. Sie trug den Koffer in ihren hohen Schuhen demonstrativ bis zum Auto, drückte die beiden Kinder herzlich und ging mit einem offenen Lächeln und einem »Viel Spass euch!« auf den Lippen wie auf dem Catwalk zurück ins Haus. Sie verhielt sich so, als wäre Eugene die ganze Zeit gegenwärtig gewesen und nur kurz raus gegangen, um den Wagen vorzufahren. Das war souverän und es fühlte sich sogar noch besser an, als die vorbereiteten Floskeln an den Mann gebracht zu haben.


Für Stefka sind morgen die Internatsferien vorbei, sodass Serafina ihre Tochter am Nachmittag zum Bahnhof begleiten wird. Dann hat sie noch fünf Tage ganz allein für sich, bis zu ihrer Abreise aus Westersee am kommenden Freitag.

-3-







Als ich Serafina zum ersten Mal begegnete, hatte mir der Kellner gerade meinen Espresso zusammen mit einem Wasser serviert. Das kleine Glas Wasser neben der noch kleineren Tasse mit der hellbraunen Crema auf halber Höhe war ein feines Detail, das die vornehme Tradition des alten Cafe Andresen hier an der Strandpromenade unterstrich. Die schneeweiß getünchte Hauswand stammt aus den zwanziger Jahren, in denen die Bohéme hier ein und aus ging. Das hohe Fenster hinter mir reflektierte das Licht der Nachmittagssonne in das Wasserglas hinein, von wo es sich in alle Regenbogenfarben auffächerte. Es war ein gepflegter Ort der Ruhe und der Weite. An einem solchen Ort checkt man keine E-Mails oder tippt abwesend in ein Tablet, man legt an diesem Ort auch kein Handy auf den Tisch. Diese modernen Lebensbeschleuniger passen hier nicht her, sie gehören einfach hier nicht hin. An einem solchen Ort liest man vielleicht ein Buch, oder allenfalls eine Tageszeitung.

In jedem Fall ist es ein wunderbarer Ort, um Menschen zu beobachten. Ich gestehe, dass es mir eine ganz besondere Passion war, Menschen zu beobachten. Man könnte mir dabei eine gewisse machistische Ausprägung unterstellen, denn es waren nahezu ausschliesslich Frauen, denen meine Blicke folgten und meine Gedanken galten. Meine Vorliebe galt ihnen, wenn sie liefen. Die Schreitenden und die Schlendernden, Tippelnde und Stöckelnde, Humpelnde und Eilende. Allen sah ich zu, allen sah ich nach. Dabei liebte ich es, mir vorzustellen, von wo sie gerade kamen und wohin sie wohl gingen, Manchmal dachte ich mir Namen für sie aus. Ich liebte das Wippen ihrer Hüften und das Aneinanderreiben ihrer Schenkel, wenn sie sich näherten. Ich ergötzte mich an ihren Kniekehlen, wenn sie sich entfernten.

Über den Rand meiner Tageszeitung verfolgte ich die schlanken Beine einer eleganten Dame, vielleicht Mitte vierzig, die beharrlich einen orientroten Koffer neben sich her schob. Die vier kleinen schwarzen Räder polterten laut über das Pflaster. Sie war bemüht mit ihren Pfennigabsätzen nicht in die Fugen zwischen den Steinen zu geraten. Eine Reisende auf dem Weg zum Bahnhof. Ich glaube, sie heisst sie Belinda. Ja, Belinda passt zu ihr. Wo wird sie ihre Reise wohl hinführen? Das fragte ich mich, kurz von ihrer Rückansicht gefangen, als ich Serafina aus der Bahnhofstraße um die Ecke kommen sehen konnte. Beinahe wäre Serafina über Belindas Koffer gestolpert, so abwesend bewegte sie sich hier her. Kurz trafen sich ihre Blicke. Ein Lächeln und jede ging ihres Weges. Serafinas weiter Rock wehte um ihre Knie und ihre Absätze klackerten auf dem Pflaster. Eins, zwei, drei. Dreimal ‚klack‘ in einer Sekunde. Eins, zwei, drei, eins, zwei drei. Eins, zwei... Nach dem elften Schritt blieb sie stehen. Sie hatte den freien Tisch in der ersten Reihe gesehen. Sie setzte sich und ließ sich in die Lehne zurück fallen. Man konnte ihr ansehen, förmlich spüren wie zuvor irgendeine Last von ihr gefallen sein muss. Sie nahm ihre Sonnenbrille hoch in ihr Haar. Der Blick aus ihren braunen Augen war aber dennoch nicht so unbeschwert, wie es ein solcher Sonntagnachmittagskaffee im Cafe Andresen an der Strandpromenade von Westersee zu verheissen vermochte. Serafina bestellte einen Latte Macchiato und begann in ihrer Handtasche zu kramen. ‚Lass bitte dein Handy in der Tasche, Serafina‘ ihr zuzurufen lag mir auf den Lippen. Doch ich musste es gar nicht rufen. Nach längerem Wühlen und Suchen in den Untiefen ihres mittelgroßen Damenbegleitcontainers fischte sie schließlich nur einen kleinen Zettel aus der Tasche heraus. Es war der Zettel vom Tisch aus der alten Villa. –I4.8,5:oc- Was war das für eine rätselhafte Botschaft? Es war eine männliche Handschrift, geradlinig, schnorkellos, aber mit breitem Tintenstrich, wie von einem Federkiel geschrieben. Serafina hatte immer noch keine Idee, welche Bedeutung diese Zahlen und Zeichen haben könnten. Und außerdem stellte sie sich die Frage, für wen war diese Notiz eigentlich bestimmt? Wem sollte sie etwas anzeigen? Serafina hatte inzwischen auch ein wenig ein schlechtes Gewissen, weil sie den Zettel überhaupt mitgenommen hatte, denn derjenige, der ihn lesen sollte, hat ihn ja nun nicht bekommen. Irgendetwas würde dadurch geschehen oder unterlassen. Irgendjemand würde folglich etwas erleben oder verpassen, das er nicht sollte. Serafina zerbrach sich den Kopf. Was sollte sie tun? Sie dachte schon daran, den Zettel einfach wieder zurück zu bringen und zurück auf den Tisch zu legen, aber würde sie überhaupt noch einmal in die Villa hineinkommen? Und was wäre, wenn sie wieder erwischt werden würde? Jederman konnte ihr die Grübelei von weitem ansehen. Ich hingegen sah ihre Ferse aus ihrem Schuh gleiten und nervös auf und ab wippen. Es schien mir fast, als ob sie das ganz bewusst für mich tat, um meine Aufmerksamkeit zu manipulieren. Dabei hatte sie mich hinter meiner Zeitung überhaupt noch gar nicht bemerkt. Eigentlich kannte sie mich noch gar nicht. Mein Blick verharrte auf ihrem aus dem Schuh heraus gestreckten Fuß. Ich mochte die Wölbung ihrer Ferse und den Bogen ihres Spanns sofort. Sie könnte es sein, ohne Zweifel, dachte ich mir. Irgendwann legte sie den Zettel auf den Tisch, löffelte im Milchschaum und nippte an ihrem Latte. Dabei tropfte etwas Kaffee ausgerechnet genau auf das Papier vor ihr. Serafina wischte es mit dem Finger sofort ab, aber es war bereits zu spät. Die Tinte auf der rechten Seite war völlig verschmiert. Das kleine c sah jetzt eher auch aus wie ein kleines o. Oder wie eine Null.

Wie eine Null? Wenn die beiden letzten Zeichen nach dem Doppelpunkt nicht etwa ein o und ein c sondern zwei Nullen sind, dann steht da vielleicht eine Uhrzeit. Dann könnte es 5:00 Uhr heißen. Ja, das kann sein: 5:00 Uhr. Und wenn dieser Strich ganz vorn gar kein I sein soll, sondern wenn es eine eins ist, dann steht dort 14.8 , 5:00 Uhr. Es ist ein Termin, ein Datum und eine Uhrzeit. Serafina hält sich die Hand vor ihre vor Erstaunen weit geöffneten Lippen. Sie hat die Botschaft tatsächlich entschlüsselt. 14, August, fünf Uhr früh!

Serafina schaut im Schreck über ihre eigene Erkenntnis auf ihre Uhr. Heute ist Sonntag, der 13. August.