Alle Jahre Wieder

 

 

 

 

 

Alles ist dunkel. Immer noch ist alles stockdunkel. Und wenn ich sage stockdunkel, dann meine ich schwarz, also richtig schwarz, eben schwarzdunkel. Es ist so dunkel, dass die Erinnerung an das Licht quasi schon gänzlich ausgelöscht ist. Denn nicht erst seit Kurzem ist es so fürchterlich völlig schwarzdunkel, sondern schon ganz lange. Genau seit dreihundertdreiunddreißig Tagen schon ist es stockschwarzdunkel, wenn der Herr Esel richtig gezählt hat. Es können aber auch zwölf oder siebzehneinhalb Tage mehr oder weniger gewesen sein. Ganz so genau zählt der Herr Esel dann ja doch nie mit, denn schließlich ist er ja auch kein Chronograph, der Herr Esel.

Unser Herr Esel ist nämlich Darsteller. Nicht, dass er deswegen besonders berühmt wäre, nein das wiederum nicht. Ein berühmter Darsteller ist er keinesfalls, aber er ist durchaus mittelmäßig bekannt, also man kann behaupten, in der Branche kennt man ihn. Der Herr Esel ist einer von diesen Darstellern, die kaum jemand mit Namen kennt, obwohl sie fast jeder schon mal irgendwo, irgendwas darstellen gesehen hat. Meistens stellt der Herr Esel sich übrigens selbst dar. Von der Zunge bis zum Schwanz. Das hat er geradezu perfektioniert. Und wo wir gerade davon erzählen: Ja, richtig, genau das ist so etwas, wie Herrn Esels Problem. Dabei kommt Herrn Esels Problem gar nicht einmal selten vor. Wenn man als Darsteller, so wie der Herr Esel, einfach immer im gleichen Genre, in der immer gleichen Nebenrolle darstellt, die einem dazu noch auf den nackten Leib geschrieben zu sein scheint, dann ist und bleibt man in dieser Rolle einfach gefangen. Da kann der Herr Esel sich die Zunge aus dem Hals darstellen, und seinen stattlichen Schwanz noch so prächtig dargestellt daher zeigen. Alle wollen den Herrn Esel jedes Mal und immer wieder nur stehen sehen. Andere Engagements, als immer diese gleiche Nebenrolle, kann er sich seit Jahren aus der Maske schminken. Dabei könnte der Herr Esel es viel besser, davon ist er selbst jedenfalls felsenfest überzeugt. Er weiß genau, dass er das Zeug dazu hat, die ganz großen Rollen darzustellen. Manchmal träumt er davon, in prächtiger Maske, vielleicht sogar mit einem echten Geweih den Rudolph zu spielen, sein Publikum zu Tränen zu rühren, und zum Lachen zu bringen. Oder tanzen, ja wie gern würde er tanzen, Er würde tanzen, dass die Wände wackeln. Wenn man ihm nur einmal eine Chance vergönnen würde, ihm einmal eine große Rolle gäbe, er würde die ganze Welt an die Wand darstellen.

Vielleicht aber hätte der Herr Esel diese Sache mit den wackelnden Wänden gerade eben lieber nicht denken sollen, denkt er sich jetzt, denn wie auf Kommando wackeln die Wände plötzlich wirklich. Kurz zuvor waren noch schlurfende Schritte zu hören, die schnell näher kamen. Ein lautes Schranktürknarren durchschnitt die schwarzstockdunkle Totenstille. Und jetzt rumpelt und pumpelt alles um den Herrn Esel herum wie verrückt. Es rappelt und zappelt im Karton. Die Wände wackeln hin und her, wie bei einem plötzlichen Erdbeben. Oben und unten scheint sich ständig zu vertauschen.

Endlich rumpelt es! »Endlich!«, möchte man fast laut rufen, denn es scheint jetzt endlich wieder los zu gehen. Der Herr Esel muss sich festhalten und aufpassen, dass ihm von der Schüttelei und Rüttelei nicht kotzübel wird. Aber der Herr Esel ist ein alter Hase, der genau weiß, was läuft und er weiß daher auch genau, dass jetzt gleich der alles entscheidende Augenblick bevorsteht. Es ist wieder Advent, also die Zeit für das alle Jahre wiederkehrende, große Engagement.

Er ist in der Tat ja auch nicht mehr der Jüngste, unser Herr Esel. Das muss man hier auch einmal erwähnen. Von Beginn an, also mittlerweile seit vielen Jahrzehnten, gehört der Herr Esel schon zum Stamm-Ensemble. Das ist schon eine ganz schön lange Zeit, in der sich ja so einiges verändert hat. Eines davon ist nicht nur dem Herrn Esel klar: Früher war mehr Lametta, das ist ja inzwischen auch hinlänglich anerkannt. Aber früher, als sie noch bei den alten Leuten waren, da wurde die Arbeit des Herrn Esel auch noch viel mehr bewundert. Damals wurde das ganze Set noch mit viel mehr Dramaturgie und irgendwie viel aufwändiger inszeniert, mit echten Kerzen und so. Und wenn er damals stand, dann wurde auch hingeschaut, es wurde auf ihn gezeigt und er wurde noch von staunenden Kinderaugen bewundert.

In den letzten paar Jahren fragte sich der Herr Esel immer öfter, für wen er denn eigentlich auf seine alten Tage allabendlich so prächtig da steht. Es schien ihm nämlich, dass er irgendwie fast gar nicht mehr beachtet wird. Und er fragte sich, ob der ganze Budenzauber, den sie hier jedes Jahr betreiben, gegen diese neuen Mattscheiben, die alle da draußen nur noch vor der Nase haben, überhaupt jemals noch anstinken kann. Der Herr Esel würde ja schon zu gern mal wissen, was denn da so Interessantes drin ist, in diesen Mattscheiben, in die sie alle pausenlos nur noch reinglotzen. Die Weihnachtsgeschichte ist es nämlich ganz bestimmt nicht. Warum nicht? Na, betrachten wir mal die Fakten. Der Herr Esel ist mit Schwanz elf Zentimeter lang. Die Mattscheiben sind höchstens einen Zentimeter dick. Würde er da hinein passen? Ausgeschlossen.

Ach ja, und dann kam dem Herrn Esel auch noch dieser blöde Vorfall in seiner Karriere in die Quere. Vor acht Jahren muss es gewesen sein, da spielte ihm das Schicksal übel mit. Betriebsunfall! Am ersten Weihnachtsfeiertag hatte der Herr Esel während der Arbeit am Set einen schweren Sturz. Dabei hat er sich auf dem Parkett das linke Ohr abgebrochen. Gott sei Dank war es nur das Ohr, denn auch mit einem fehlenden Ohr steht er wenigstens trotzdem noch, und zwar ohne Probleme. Aber das Ohr war letztendlich auf Nimmerwiedersehen hinweg gesaugt. Flupp, weg war es. Seitdem jedenfalls verhöhnt dieser affektierte Herr Säff den Herrn Esel jedes Jahr wieder aufs Neue mit wachsender Begeisterung als ‚EinOhrEsel’. Und ein EinOhrEsel hätte ja schließlich niemals eine Chance in diesem Showgeschäft, um – so wie er, also wie der Herr Säff selbst – irgendwann ganz groß raus zukommen.

Herr Säff, genauer genannt Jorge Säff, besteht darauf, mit dem Vornamen „Joe“ angekündigt zu werden, weil er ernsthaft glaubt, dass er als Joe irgendwann einmal eine große Rolle in Amerika bekommen könnte. Aber unter uns: Joe Säff war noch niemals in New York und schon gar nicht auf Hawaii. Trotzdem benimmt sich Joe Säff besonders gern so, als sei er der größte Stardarsteller am Set überhaupt. Und das, obwohl, oder vielleicht auch gerade weil er mit seiner Rolle eigentlich ja als allererster aus dem ganzen Skript rausgeschrieben werden könnte. Genau genommen ist Joe Säff nämlich in dieser Story völlig überflüssig. Man vermerke dazu nur das Stichwort: Unbefleckte Empfängnis! Und dazu kommt ja auch noch, dass alleinerziehende Mütter heutzutage alles andere, als eine Seltenheit sind, die gibt es schließlich überall, warum also nicht auch in der Weihnachtsgeschichte?

 Womit wir auch schon bei der Diva im Ensemble angelangt wären. Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste... Nein, quatsch, ganz falsches Stück. Okay, okay, sie sieht verdammt gut aus, aber muss man das denn ständig zur Schau stellen? Virginia Mary Godmother hat nicht nur eine Schokoladenseite, sie ist zartbitter pur, seit sie vorletztes Jahr in die geschmolzene Kuvertüre gefallen ist. Und dieses süße Zeug geht wahrscheinlich nie mehr ganz aus all ihren Ritzelchen und Tittzelchen raus. Aber das macht eigentlich nichts. Im Großen und Ganzen ist sie also ganz lecker, oder man könnte auch sagen, sie hat Geschmack.

Sie macht halt nur immer wieder den einen und immer gleichen Fehler, typisch eben für eine Mutter eines Einzelkindes. Wie die meisten Spätgebärenden verhätschelt sie ihren Spross nach allen Regeln der Kunst. Sie betet ihn förmlich an, ihren kleinen Jason Christian. Und so etwas rächt sich einfach immer irgendwann. Wenn diese verwöhnten Hatziputzis dann groß werden, dann glauben sie nämlich nicht selten, sie wären der liebe Gott persönlich, oder zumindest von göttlicher Herkunft oder so was. Oder sie gründen eine Partei oder einen anderen Verein, damit sie dort den Chef raushängen können. Und später hat die halbe Welt dann nicht selten damit ihr Kreuz zu tragen. Soviel zunächst zu Jason Christian, den alle am Set, außer seine Mutter, übrigens nur JC nennen.

Schließlich gibt’s da noch die Orient-Gang und die schweigenden Lämmer, und noch einige mehr, aber zu denen kommen wir später, denn jetzt ist gerade alles ganz still geworden. Kein Schütteln, kein Wackeln im Karton mehr. Und gleich wird das gleißend helle Licht erscheinen und der Herr Esel wird hinaustreten, auf die Bühne, in das Licht und er wird da stehen und darstellen. So wie alle Jahre wieder.


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»Nein, nein Kinder, nein, ich kann so nicht arbeiten!« Joe Säff fasst sich in dramaturgischer Theatralik mit dem Handrücken an die Stirn. »Ich glaube es einfach nicht«, tönt es hochnäsig nasal, für alle hörbar in die Runde. »Kinder, ich bin Profi in diesem Job, und ich erwarte Professionalität, wenn man mit mir arbeitet, und dazu gehört Pünktlichkeit.« Joe Säff setzte eine besonders langgezogene Betonung auf das „ü“, um dann nach einer künstlerischen Atempause mit geschwellter Brust weiter zu dramatisieren: »Seit zwanzig Minuten bin ich nun aus dem Papier geschält, das Set ist ready, mein Teint im besten Licht, die Statisten sind am Start, sogar der Einohrige steht, und wer fehlt mal wieder? DEIN Sohn!«

Schnippisch mit dem Fuß auf dem Boden trommelnd und die Arme vor der Brust verschränkt wendet Joe Säff sich von der leerstehenden Krippe ab.

»Ach, jetzt ist es plötzlich wieder MEIN Sohn«, harscht Virginia Mary Godmother trotzig zurück. »Wenn es Probleme gibt, dann ist es immer MEIN Sohn. Mein Gott. Es ist für den Jungen auch nicht so einfach, mit dieser ewigen Erwartungshaltung umzugehen. DU musst ja nicht, ohne Seepferdchen übers Wasser laufen, oder? Hast DU denn überhaupt schon mal ein einziges Wunder vollbracht? Na-tür-lich nicht! Aber das interessiert dich ja nicht. Du könntest dich ruhig mal mehr um ihn kümmern, anstatt immer nur auf ihm rumzuhacken. Er ist schließlich auch dein Kind!« Tränen kullern an Virginia Marys wie aus Holz geschnitztem Gesicht herunter.

»Das war ja klar, jetzt bin ich auch noch Schuld, und gleich kommt wieder das Geheule auf Kommando. Na ganz großes Kino. Muss ein Joe Säff jetzt etwa noch persönlich zurück in den Karton und den gnädigen Herrn aus dem Cellophan wickeln?«

»Jason Christian ist nicht im Karton«, schluchzt Virginia Mary

»Wie? Er ist nicht im Karton? Er ist auch nicht in der Krippe. Wo, bitte schön, ist der Herr Jason Christian denn dann?«

Virginia Mary Godmother stottert mit tränenerstickter Stimme: »Ich wei-hei-heiß es nicht! Er ist we-he-heg. Er war die ganze Zeit überhaupt nicht im Karton. Er kam einfach nicht zurück, vom letzten Mal. Und du-hu ha-hast nicht mal etwas gemerkt!«

Mit einem Mal ist es totenstill am Set. Der Herr Esel, die schweigenden Lämmer und die Orient-Gang starren abwechselnd auf Virginia Mary und Joe. Joe wiederum starrt auf die Krippe und hilfesuchend zu den anderen. Virginia Mary heult aus vollem Holz, in herzzerreißender Verzweiflung über die Krippe gebeugt. Die Krippe ist leer.

Plötzlich wird allen hier am Set klar: Wenn die Krippe leer ist, dann entfällt der Anlass des Weihnachtfestes de jure, also grundsätzlich. Und ohne offizielle Rechtsgrundlage wird die ganze Show gnadenlos abgesagt. Dann macht nämlich alles überhaupt keinen Sinn, dann findet Weihnachten ja per se gar nicht statt. Ja, dann passiert etwas, das noch nie passiert ist, dann passiert...

 

...nichts.

 

 Wenn die Krippe leer bleibt, dann fällt Weihnachten einfach aus.

Man hätte in diesem Augenblick eine Stecknadel in Zeitlupe ins Krippenheu fallen hören können, so still war es plötzlich. Stille Nacht performed in Perfektion, wenn nicht gefühlte vier Komma sieben Schrecksekunden nach dieser kollektiven Erkenntnis ein allseitiges, lautes Geschrei, Geblökte und Gegackere losgetreten worden wäre. Jeder schrabbelte und babbelte, lamentierte, kommentierte und gestikulierte nach seiner Fasson, was zu tun und was zu unterlassen wäre. Die schweigenden Lämmer quatschen seitdem aufgeregt ohne Punkt und Komma wild durcheinander. Der hornige Hammelhirte Holger fuchtelt an seinem Stab herum und nuschelt dabei unverständliches Zeug, das nur durch die Einblendung von Untertiteln als: »Jo mei des is a Ding!« synchronisiert werden kann. Die Orient-Gang diskutiert schon, ob sie den mitgebrachten Stoff selbst rauchen dürfen. Virginia Mary heult und Joe schmollt.

»Ruuuhäääähh!«, blökt es schließlich aus dem aufgeregten Haufen heraus und mitten in das Geschrabbel hinein. Der Herr Esel reckt seinen Schwanz empor und hält sein letztes Ohr steif. Er stellt sich mit geschwellter Brust in Positur und ruft in dramatischer Tonlage:

»Ein Gottes Schalk ist uns beschert.

Die Krippe ohne Kind erschwert

Den Sinn des Schauspiels darzustellen,

Der wär, die Erinn’rung aufzuhellen

Herbei muss nun ein Schalks Ersatz

Und das Ratz Fatz!«

»Herr Eeesel... Sie sind raus! «, tönt es einstimmig aus dem Lager der Orient-Gang, während der Herr Esel flugs einen tänzelnden Satz zur Krippe hin vollführt und sich einspringenderweise schon mit einem Bein und einem Ohr ins Stroh betten will.

»Wieso das denn?«, meckert der Herr Esel trotzig, hält an und dreht sich kurz vor der Krippe entrüstet um, wobei ihm aber von den Anderen schon gar niemand mehr zuhört.

»Ok Leute, holen wir die Ferres! Die macht das bestimmt.«, schreien die Lämmer laut schweigend in die Runde.

Das wilde Gebrabbel ging fortan wieder los und jeder wusste besser, wie denn die dramatische Situation zu retten wäre.

Während Virgina Mary Godmother immer noch selbstbemitleidend umher schluchzt und Joe Säff beleidigt in die Luft schaut, der Rest am Set noch diskutiert und debattiert, beginnt einer der Engel, nämlich der mit den langen goldblonden Haaren und Beinen so lang wie die von Rudolf, eben der Engel der gerade oben auf dem Dach des Stalles sitzt, von wo er nämlich den besten Überblick in die weihnachtliche hat, unvermittelt ein glöckchenerklingendes Lied zu singen:

»Atemlos in die Schlacht

Spürt was Weihnacht mit uns macht

Jay-C-los, kinderfrei, großes Kino für euch zwei

Wir sind heut zu wenig, wo steckt der kleine König?

Alles was wir tun ist eh nur wegen dir

Wir sind unvollständig, doch Leute schaut, ich glaubs nicht

Da kommt doch aus dem Nichts ein Dschääissie her...
Fassungslos, doch Weihnacht...“


***

 

 

Wenn kleine Wunder so etwas wie eine Gaußsche Häufigkeitsverteilung haben, dann fallen in die Adventszeit vermutlich deren mathematische Extrempunkte, sozusagen also die mirakulischen Saisonhöhepunkte. Jedenfalls werden die kleinen Wunder in dieser Zeit häufiger wahrgenommen, so scheint es zumindest. Oder aber, die Kinderzimmer werden in dieser Zeit gründlicher aufgeräumt, was beispielsweise oft geschieht, wenn das verwandtschaftliche B-Kader über die Festtage zu beherbergen ist. Wenn dann beides in einem glücklichen Zufall aufeinandertrifft, dann geschieht das Unglaubliche einfach so und erscheint uns eben wie ein kleines Wunder, das sich selbst lässig aus dem Ärmel schüttelt.

Plötzlich nämlich platzte eine dunkle Stimme in das Gezeter und Geheule.

»Hi Mum, Hi Paps, Alles klar bei euch?

»Jason Christian!?« Die Überraschung steht allen am Set buchstäblich in die Gesichter geschnitzt.

»Hey, das war ja echt endlaser da draußen, das ganze Jahr nur gechilled und mit coolen Leuten abgehängt.«

»Jason Christian! Wo um Gottvaters Willen warst du denn die ganze Zeit?«, schreit Virginia Mary Godmother in Tränen aufgelöst und alle anderen zusammen wiederholen im Chor: »Hey Jay-C, wo warst du??«

»Wo ich war? Na bei Barbie! Der kleine Pummel mit den Zöpfen und den Schokoladenfingern hat mich heimlich mit ins Kinderzimmer genommen, als sie euch beim letzten Mal alle wieder eingewickelt haben. Und ihr habt alle nix gecheckt, cool gell?« Jason Christian grinst breit übers ganze Gesicht.

»Bei Barbie? DIE Barbie? Oh Gott, mein Kind! Das ist doch kein Umgang für dich. Und ich hab mir das ganze Jahr auf dem Dachboden solche Sorgen gemacht«, stottert Virginia Mary Godmother sichtlich entsetzt.

»Klar Mum, genau die Barbie, ich sag euch, voll scharf die Braut! Ey, die hat ne Hütte, da kannste den alten Kasten hier gepflegt vergessen, echt ey. Jeden Abend ist da Party mit ihren Mädels. Voll geil, megacool, wisst ihr?«

 »Jason Christian? Wie redest du denn? Und deine Stimme ist so ganz anders, so tief.«

»Mama chill mal. Reg dich nicht auf, ich bin doch kein Kind mehr. Ich bin jetzt über Zweitausend, da werd‘ ich doch einmal übers Jahr wegbleiben dürfen. Hey, glotzt mich doch nicht alle so an. Seid doch nicht so uncool. Läuft eben bei mir!«

»Jason Christian!«

»Mutter, entspann dich doch mal, mach jetzt nur keine Riesenszene daraus, ich bin viel zu müde, echt. Los, lasst mich in die Krippe. Ich leg mich erst mal ab.«

Und so kommt JC doch noch in die Krippe. Die Krippe ist nicht mehr leer und Weihnachten ist gerettet. Virginia Mary Godmother wischt sich die verschmierte Restkuvertüre aus dem Gesicht, Joe Säff nimmt väterlich sorgende Haltung ein, der Herr Esel steht standhaft und die Orient-Gang rappt, schon ein klein bissel stoned vom Weihrauchjoint, ganz leise Last Christmas.

JC schläft fast vierzehn Tage, wie ein friedliches Kind. Denn er weiß, er muss den Kindern ein Vorbild sein, schließlich sollen sie sich mal an all seinen guten Taten orientieren, und seinem selbstlosen Wesen nacheifern.

Und wenn er ausgeschlafen hat, so in zwei Wochen, also am Orient-Gang-Day, wenn die anderen wieder in Cellophan gewickelt werden, dann geht es für JC ganz bestimmt wieder auf zur süßen Barbie und zu Polly Pocket und zu Lillyfee. Und mit den neuen Kumpels aus dem Playmobilhaus geht er dann wieder auf Tour und dann machen sie das Legoland unsicher, bis zum nächsten Jahr, so wie alle Jahre wieder.