Lasses Weihnachten

 

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»Was ist das doch für ein schöner Tag!«, denkt sich Lasse. Er kann von seinem Platz an der Heizung sehr gut aus dem Fenster nach draußen sehen. Schneeflocken, so klein wie Staubkörner, tanzen am großen Wohnzimmerfenster der Vorstadtwohnung im dritten Stock herab. Die tiefstehende Wintersonne bahnt sich ihren Weg weit in das Zimmer hinein, bis zur gegenüberstehenden Eichenschrankwand, in der das gute Porzellan aufbewahrt wird. Alles dort draußen ist in eine weiße, glitzernde Decke gehüllt. Auf der großen Wiese, hier hinter dem Haus, direkt unter Lasses Fensterplatz, toben wollmützenvermummte Skihosenknäuel im Schnee herum und bewerfen sich kichernd und schreiend mit kleinen, weißen Bällen, die sie aus dem kalten Flockenteppich geformt haben.

»Hmm, eine ganz schön kriegerische Spezies ist das hier«, kommt es Lasse plötzlich in den Sinn. »Und so etwas in dieser so friedlichen Zeit. Wenn die Nachkommen dieser Stadtwesen schon so angriffslustig sind, wie verhalten sich dann die Ausgewachsenen wohl erst?« Lasse schaudert ein wenig bei dem Gedanken.

Aber nein. Lasse wollte zufrieden sein mit dem, was das Schicksal ihm kredenzt hat. Er hat einen Ständer! Und nur darauf kommt es schließlich an. Seit dem vergangenen Wochenende hat er seinen Ständer und seitdem schaut Lasse herausgeputzt wie ein Zirkuspferd aus dem Fenster heraus, hinüber zur gegenüberliegenden Häuserfront in das kleine Fenster im Parterre. Aber er sieht sie nicht. Zumindest nicht jetzt, nicht tagsüber. Durch den seidenweißen Gardinenstoff kann er sie nur erahnen, ihre ebenmäßige Silhouette mehr erhoffen als erkennen. Aber er weiß genau, dass sie da ist. Abends nämlich, wenn das funkelnde Licht an ist, dann sieht er sie ganz genau, und dann kann er seinen Blick nicht mehr von ihr nehmen, bis das Licht in ihrem Fenster wieder erlischt und nur noch der Vollmond die Schatten der Häuser in das fahle Weiß einer frostkalten Nacht formt.

Lasse ist ein echter Nordmann. Er ist schlank und hoch gewachsen. Und er stammt aus einfachen Verhältnissen, genauer gesagt aus dem Baumarkt. Aber die vierzig Euro ist er eben wert, sonst wäre er schließlich heute nicht hier. Ganz im Gegensatz zu Ole! Der alte Angeber ist nämlich letztes Jahr einfach vergessen worden. Somit ist Ole ein Jahr länger auf der Schule gewesen und prahlt nun schon seit dem Herbst mit seinem Zapfen, der ihm letztes Frühjahr gewachsen sein soll. Aber Ole ist immer noch im Baumarkt, und einen richtigen Ständer hat er bis heute nicht bekommen. Und Lasse würde einen Zweig darauf wetten, dass Ole auch keinen mehr bekommt.

Die Zeiten sind wahrlich nicht einfach für Nordmänner heutzutage. Jedes Jahr trifft es wieder viele bedauernswerte Kollegen, die einfach zur falschen Zeit im falschen Netz gelandet sind. Manche von denen sind solche, die es nicht einmal bis ins Casting auf das Außengelände vom Baumarkt schaffen. Andere werden im Dezemberregen auf aufgeweichtem Matschboden so lange herumgezerrt, hingestellt und umgeworfen, bis ihnen hinterher die Nadeln zu Berge stehen und ihnen danach im schlimmsten Fall vielleicht noch die Spitze abgebrochen ist. Und dann war es das, mit dem Traum vom Christbaum. Und wer es bis zum Vierundzwanzigsten nicht geschafft hat, für den ist das Schicksal als Hackgut im Heizkraftwerk besiegelt. Acht Jahre Baumschule für ein kurzes, unbeachtetes Feuer, für nichts und wieder nichts.

Lasse atmet tief durch. Okay, auch bei ihm ist nicht alles perfekt gelaufen. Sein altmodisches Lametta und die langweiligen roten Kugeln machen ihn nicht unbedingt zum Dressman in der Siedlung. Diese bunten, elektrischen Kerzen aus dem Discounterangebot sind einfach peinlich und die trockene Heizungsluft hier am Fenster macht seinen Nadeln schon jetzt zu schaffen. Wenn das so weitergeht, dann steht er bis nächste Woche ziemlich kahlastig da. Das Schlimmste aber, das ist diese alberne Spitze. Der kleine Zwerg hat vorgestern einen mordsmäßigen Aufstand gemacht, als seine Mutter zuerst nicht seinen selbstgebastelten, krummen Alufolienhaufen, den er 'Stern' nannte, auf Lasses stolze Spitze heften wollte. Schließlich meinte der Vater aber: »Mach doch, es sieht ja eh keiner...«, und schon war das Teil angetackert. Lasse war entsetzt und überlegte kurz, aus Protest in ein sofortiges Streiknadeln zu verfallen, besann sich dann allerdings darauf, sich mit der Situation zu arrangieren, denn schließlich wollte er nicht Gefahr laufen, noch vor Weihnachten gegen einen dieser perversen Plastikkameraden ausgetauscht zu werden. »Also was soll's«, sagt sich Lasse, »Hauptsache Ständer!«

Lasse nimmt sich vor, das Leben bis zum Knut in vollen Zügen zu genießen. Schließlich wird es gleich wieder dunkel und sie wird wieder da sein.

Wie gebannt steht Lasse am Fenster und fixiert die gegenüberliegende Häuserfront. »Welch gute Erfindung ist es doch, dass dieser riesige Ahorn hier zwischen den Häusern im Winter seine Blätter verliert«, murmelt Lasse leise, während er durch die kahlen Äste des stattlichen Kameraden hindurch zur anderen Seite blickt. »Und wie günstig, dass Weihnachten ausgerechnet in den Winter fällt, sonst hätte ich sie von hier überhaupt nie sehen können.« Der Kamerad in der Mitte heißt übrigens Karlheinz und spricht sonst eigentlich recht wenig. Lasse überlegt kurz, ob er Karlheinz fragen soll, ob dieser mehr über die Schöne im Parterre gegenüber wisse. Er verwirft den Gedanken aber wieder, da er dessen merkwürdigen Ahorndialekt ohnehin nicht verstehen würde.

Mehr und mehr Lichter erleuchten die Fassade gegenüber. Oben rechts im spießigen Quadrat am Fensterrahmen entlang, unten links in einem chaotischen Haufen. Genau gegenüber kitschig blinkend und direkt darüber wie in einen Regen von Sternschnuppen. Nur das Fenster im Parterre, unten rechts, bleibt dunkel.

Obwohl es völlig albern ist, streckt Lasse seine Nadeln cool nach vorn, als wolle er signalisieren: »Ich bin der größte Stecher im ganzen Block!« Dabei es ist ihm schon von weitem anzusehen, dass er, allein von seiner Herkunft her, dazu völlig ungeeignet ist. Schließlich weiß jeder, dass Nordmänner gar nicht stechen können. Aber dennoch hofft er, irgendwie damit eine Reaktion zu erzeugen. Und tatsächlich, endlich, um kurz vor zehn leuchtet es auch wieder aus dem Fenster im Parterre. Lasse glaubt, ihm klingen die Glocken vor Aufregung, und er ist sich sicher, sie leuchtet heute noch schöner, als die Abende zuvor. Ihre silbrig matten Kugeln mit kleinen Steinchen aus funkelndem Strass glitzern ganz dezent zwischen Hunderten kleinen Lichtern. Dazwischen sind immer wieder feine goldene Zapfen und dunkelrote Schleifen mit zarter Goldborte platziert, hier und dort garniert mit lieblichen Terrakottaengeln. Aber das wunderschönste überhaupt, das ist der goldene Stern aus geschnörkeltem Draht an ihrer Spitze, der aus Engelshaar gemacht zu sein scheint, und der wie Schnee in der Sonne glitzert.

»Frohe Weihnachten«, haspelt Lasse wie mechanisch in Richtung der Schönen. Keine Antwort. Lasse pocht das Wasser in den Kapillaren, er streckt die Nadeln und flüstert: »Ich bin Lasse, ich bin acht Jahre alt und komme aus dem Baumarkt, und du?« Stille auf der gegenüberliegenden Seite. Lasse will die Nadeln schon hängen lassen, doch dann plötzlich:

»Boah, kaum ist man hier einmal geschmückt, wird man jeden Abend nur noch angemacht, das ist echt zum Vertrocknen.«

Lasse ist verzückt. Sie hat geantwortet. Er kennt bisher nicht einmal ihren Namen, aber er ist sich sicher, so muss Liebe auf den ersten Blick sein.

»Du hast wunderschöne Kugeln«, stammelt er.

»Und du siehst scheiße aus«, entgegnet es von unten.

Lasse hatte in der Schule wohl gelernt, dass man sich vor Blaufichten grundsätzlich in Acht nehmen solle, und dass die sowieso nur herumstechen und nörgelnadeln. Und er hatte gelernt, dass Nordmänner ohnehin die besseren Christbäume sind, egal was die Blaufichten auch behaupten. Aber niemand in der Schule hat ihnen von dieser betörenden Schönheit der Blaufichte erzählt. Darauf war Lasse nicht vorbereitet.

»Du bist wohl ziemlich stolz auf deinen Ständer, oder?«, stichelt es erneut von gegenüber.

»Gefällt dir mein Ständer etwa nicht? Der ist doch prächtig! Ich kenne viele, die froh wären, wenn sie so einen Ständer hätten!«

Lasse versucht seine Unsicherheit mit Entrüstung zu überspielen.

»Na typisch Nordmann. Euer Ständer ist euch das Wichtigste, als gäbe es kein höheres Ziel, als an Weihnachten einen Ständer zu bekommen.«

»Ach, wo kommst du denn her, dass du so schlau daherreden kannst? Was soll es denn da sonst noch besseres geben?«, fragt Lasse empört zurück.

»Ich habe meine Wurzeln im Fichtenwald, hier vor der Stadt. Ich bin bei meinen Eltern und Geschwistern aufgewachsen. Ich heiße Florentine.«

Lasse ist sprachlos. Im Baumarkt haben sich die Kollegen manchmal merkwürdige Geschichten über wildwachsende Christbäume erzählt. Lasse hat aber nicht glauben wollen, dass es so etwas wirklich gibt. Genauso wie die Geschichten von diesen riesigen Nordmännern, die angeblich zehn oder zwanzig Mal so hoch sein sollen, wie er und seine Kollegen aus dem Baumarkt, also ungefähr so groß wie Karlheinz, und die dazu angeblich auch noch richtige Zapfen haben sollen. Und dann diese Geschichten, dass aus den Zapfen Samen fallen würden, und wenn vorher die Bienchen da dran gewesen sind, dann entstünde daraus…

Hachherrje, nein, nein, das sind doch nur Märchen! Das kann es alles nicht wirklich geben. Nordmänner entstehen im Saatbeet, dann kommen sie ins Verschulbeet und schließlich in die Plantage. So ist es immer gewesen. Ende und aus. Aber nun trifft er hier die schöne Florentine und sie erzählt ihm von ihren Wurzeln und aus ihrem wilden Leben. Florentine - welch ein zauberhafter Name.

Lasse könnte ihr stundenlang nur zuhören und sich an ihren Kugeln erfreuen, und merkt gar nicht, wie die Zeit in dieser Adventsnacht vergeht. Schließlich sind alle Lichter auf der gegenüberliegenden Seite schon lange aus, und auch Florentine wackelt noch einmal mit ihren Kerzen und verschwindet danach auch im Dunkel der Nacht.

Noch fünf Nächte, dann ist Heiligabend.

 


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Nordmänner gehören im Prinzip auch zu den Angehörigen des Dienstleistungsgewerbes. Ähnlich wie die Weihnachtsmänner. Oder heißt es Weihnachtsleute? Das gleiche gilt übrigens für die Gilde der Nussknacker, sowie auch für die der Glühweinbecher und der Adventskalender. Alle für sich sind darüber hinaus sozusagen Beschäftigte in einem befristeten Arbeitsverhältnis, also quasi Saisondienstleister mit zeitlich begrenzter Aufenthaltserlaubnis im Bereich des öffentlichen oder privaten Lebens. Denn ab dem siebenundzwanzigsten Dezember ist ihr Aufenthalt dort nur noch geduldet. Nach dem sechsten Januar gilt dieser in der Regel bereits als illegal und spätestens dann werden sie wieder abgeschoben. Einzelne Weihnachtsmänner sollen es durch geschickte Formgebung und Anpassung manchmal tatsächlich bis in den April schaffen, um sich dann als Osterhase zu verpflichten, doch dies ist die absolute Ausnahme von der Regel. Und trotzdem wissen alle genau: Nach Weihnachten ist vor Weihnachten. Oder anders gesagt: Der nächste Glocken-Socken-Flocken-Wahnsinn kommt bestimmt. Sie alle leben im Bewusstsein, sie dürfen öfter kommen.

Alle, nur die Nordmänner nicht. Zwar sind gerade sie die Glockenhalter der Nation, jedoch selbst wenn ihre 'Blätter noch so treu', die Ruten noch so stramm, und selbst wenn alle Nadeln auch am Dreikönigstag noch im Saft stehen, für Nordmänner gilt: Es gibt kein Leben nach dem Knut. Es ist nun einmal ihr Schicksal, ihren Platz an der Heizung im Januar wieder einmal einer neuen, schwedischen Kommode, mit irgend so einem albernen Namen, überlassen zu müssen.

Nicht, dass diese Bestimmung für einen gestandenen Nordmann überraschend käme. Seine zielorientierte Ausbildung zum LRCDO, also zum Living Room Christmas Decoration Officer, verleiht ihm nicht nur die Qualifikation, sondern auch die Motivation, seine Mission am Heiligabend zu erfüllen, und nicht zu fragen, was denn danach käme und ob ein Leben als Nordmann gar einen höheren Sinn haben könnte.

Lasse war ein vorbildlicher Schüler in der East Forest Graduate Tree School. Die acht Jahre waren wahrlich nicht immer leicht. Man denke nur an den Sommer vor drei Jahren, als ihm plötzlich ein Seitentrieb gewachsen ist. Fast hätten sie ihn damals einfach abgesägt. Oder die Geschichte mit seinem frischen Trieb, an dem eines Nachts vergnüglich herumgekaut wurde, angeblich soll es rotes Wild gewesen sein. Es hat Wochen gedauert, bis er dort wieder einen neuen Ast hoch bekam und die Jungs um ihn drum herum konnten sich ihre Schadenfreude nicht verkneifen. Solche Erlebnisse prägen einen Nordmann ein Leben lang. Lasse hatte dennoch sein Ziel immer fest vor Augen. Er hat keine Schnecken an seinen Stamm gelassen, und niemals unkontrolliert ausgeschlagen. Sein Blick war nach oben gerichtet, seine Konzentration galt nur seiner Mission. Lasse wollte ein guter Christbaum sein.

An diesem Montagmorgen allerdings muss Lasse eine schreckliche Entdeckung machen. Nun steht er hier, in seiner ganzen Pracht mit Ständer und Klimbim, an der Spitze gepierct und ins silberne Lamettakleid gewickelt und muss sich gewahr werden, dass das Schicksal ihn kurz vor dem Ziel noch aus der Bahn werfen kann. Denn Lasse wird an Heiligabend allein sein. Er wird nicht mit seinen Kerzen leuchten und kein einziges Geschenk unter seinen prächtigen Zweigen beherbergen. Kein Kinderaugenstrahlen, kein Zimtsterneduft, nicht einmal sein Glöckchen wird klingen. Sie fahren an Heiligabend einfach weg, zur Oma. Und das schlimmste dran ist, dort bei Oma steht ein Plastikbaum, einen Meter vierzig hoch, aus Taiwan. Lasse ist in seinem ganzen Leben noch nie so gedemütigt worden.

Lasse schaut zum Fenster raus, wo der Schnee taut und nadelt leise…


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Noch drei Tage bis Heiligabend. Draußen dämmert es bereits und der Raureif bildet an Karlheinz Spitzen Milliarden von kleinen bizarren Kristallgebilden. Jedes dieser Kristalle ist einzigartig, das hatte Lasse in einem Wintersemester an seinen eigenen Spitzen gelernt. Jeder Kristall ist für sich ein einzigartiges aus einem Staubkorn gewachsenes Kunstwerk. Wie unendlich verschwenderisch die Natur doch mit Schönheit ist. Aber wofür sind all diese Kristalle da, wenn es doch niemanden gibt, der sich die Zeit nimmt, jeden einzelnen Kristall für sich zu bewundern? Und wozu sind die Millionen Christbäume da, die am Heiligen Abend, am Tag ihrer Mission, einfach dunkel bleiben? Schließlich sind Christbäume auch nur Menschen und wollen gebraucht, und für ihre Schönheit bewundert werden.

Seitdem Lasse erfahren hat, dass ein Plastikbaum seine Aufgabe übernehmen wird, fühlt er sich nur noch leer und überflüssig in einer kalten, trostlosen Welt. Lasse hat seitdem keinen einzigen Tropfen Wasser mehr durch seinen Stamm gesaugt und malt sich aus, wie er in zwei Tagen so ausgetrocknet sein wird, dass ein kleiner Funken einer Kerze ausreichen wird, damit er in einem flammenden Inferno aus dieser Welt scheiden kann. Dann werden sie schon erkennen, wie trostlos ihr Plastikweihnachten ist. Aber dann ist es zu spät, und sie werden ihn vermissen und es geschieht ihnen recht.

 

»Hey du…., du Nordmann mit Ständer, alles paletti bei dir da oben?«

Es sind Florentines Worte. Lasses Nadeln richten sich auf, ohne dass er es beeinflussen kann. Der Klang ihrer Stimme lässt ihn wie magisch in Sekundenbruchteilen seinen Groll vergessen.

»Ach, lass mich in Ruhe«, presst es dennoch aus ihm heraus. Kaum ausgesprochen, bereut er seinen Satz schon, denn eigentlich will er ja ganz und gar nicht, dass sie ihn in Ruhe lässt.

»Na denn, schönen Abend noch!«, lautet die Antwort von unten. Lasse würde sich gerade am liebsten alle Nadeln ausreißen. »Idiot, hätte dir nix besseres einfallen können?«, harscht er sich selbst leise an. Zwei Tage und Nächte lang hat er insgeheim gehofft, dass sie ihn anspricht, und jetzt, wo sie es tut, da versemmelt er alles. Verstohlen schaut er durch die Glitzerpracht auf Karlheinz Ästen hindurch, hinunter in Florentines Fenster. Das Licht im Parterrefenster ist aus. Aber sie war doch gerade noch da? Oder hat er sich ihre Stimme nur eingebildet?

»Florentine? Florentine, wo bist du denn?«

»Ich bin hier, wo soll ich denn sonst sein, du Schlaumeier? Bewegen ist nicht so einfach mit diesem Teil am Fuß!«, entgegnet es aus dem Dunkel.

»Warum kann ich dich denn nicht sehen?«, fragt Lasse

»Hm, vielleicht weil die Lichter aus sind?.. So blöde Fragen kann aber auch nur ein Nordmann stellen.«

Lasse schweigt.

»Und damit du es auch gleich weißt, die bleiben auch aus. Für immer! Ich lass mich nicht mehr anmachen. Von niemandem!«, tönt es schnippisch herauf.

Lasse ist perplex. »Aber am Heiligabend? Willst du denn nicht leuchten am Heiligabend? Du leuchtest so wunderschön.«

»Pah, ich hab es so satt, ey! Für wen denn? Meine Leute sind gestern in den Skiurlaub abgezischt, und kommen erst an Silvester zurück. Und dann machen die hier fette Party und ich steh nur im Weg rum. Weißt du was? Die können mich mal. Ich nadele denen jetzt ordentlich die Bude voll und das war's dann.«

Plötzlich fühlt sich Lasse schon gar nicht mehr so verzweifelt wie vorher, obwohl seine Lage sich nicht um eine Nadel gebessert hat. Sein alter Lehrer, Professor Dr. Eckern von Baumhausen, dieser alte Komiker, hatte also doch Recht, als er referierte: Einem Nordmann geht es nur solange schlecht, bis er erfährt, dass es seinem Kollegen noch viel schlechter geht. Oder war es andersherum? Ist auch eigentlich völlig unwichtig, schließlich ist Florentine ja auch gar kein Nordmann, sondern nur eine Blaufichte, und eine ziemlich zickige dazu. Aber das war Lasse gerade ganz egal.

»Weißt du was, Florentine? Ich habe eine Idee! Wir hauen einfach ab! Lass uns durchbrennen, und du zeigst mir dann, wo deine Wurzeln sind«, sprudelt es aus Lasse heraus.

»Das einzige, was bei dir grad durchbrennt, ist deine Lichterkette, mein lieber Träumer! Abhauen? Hallooo? Wie soll das denn bitte schön gehen? Guck mal an dir runter, mit deinem dicken Ständer da unten. Und außerdem habe ich nur Kaufschmuck, so geh ich nicht vor die Tür.«

»Wie soll das denn gehen?«, wiederholt Lasse, um es sich zu merken.

Die dicke Schneewolke Petra hat heute Nacht den Vollmond in die Tasche gesteckt. Die Nacht ist stockdunkel, wie als wenn gar kein Weihnachten wäre.

Übermorgen ist Heiligabend.


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In dieser Nacht hat Lasse einen Traum. Nicht dass es ungewöhnlich wäre, dass Nordmänner einen Traum haben, wo es doch gemeinhin gar nicht bekannt ist, dass Nordmänner überhaupt schlafen. In dieser Nacht jedenfalls, konnte Lasse kein Auge zu tun. Was wiederum nicht verwunderlich ist, denn wiederum gemeinhin ist ja bekannt, dass Nordmänner gar keine Augen haben, zumindest nicht im Kopf, denn derselbe ist ihnen praktischerweise ja ebenso verlustig. Man könnte nun sagen, Nordmänner sehen nur mit dem Herzen gut. Aber man würde entgegnet bekommen, damit wiederholt auf die gleichen, alten Klischees zurückzugreifen. Zudem geben Studien amerikanischer Wissenschaftler vor, beweisen zu können, dass des Nordmanns Umtriebe keineswegs von Herzen kommen, sondern dass vielmehr das Übel an der Wurzel zu packen sei. Was aber, wenn dem Nordmann von Samen auf ins Beet gelegt wird, schon in der Jugend seine Wurzeln aufzugeben, nur um einen Ständer zu bekommen? Fragen über Fragen. Dieser kurze, höchst unvollständige Exkurs in die Anatomie des Nordmanns soll keineswegs von der gerade eingangs erwähnten Traumsequenz ablenken, aber es gibt dem Erzähler dieser Geschichte etwas mehr Zeit, seinen Kaffee zu trinken und sich Gedanken über den Inhalt und die Deutung desselben zu machen.

Ob Traum oder nicht: »Was war da denn los?« , fragt sich Lasse. Man weiß es nicht genau! Jedenfalls erschien ihm diese weiße Gestalt mit den auf Draht gespannten Seidenflügeln auf dem Rücken wie das ChristKind. Auf dem Namenschild, welches das ChristKind an die Bluse geheftet hatte, stand Natascha.

Natascha kam nämlich gerade eben aus dem Dunkel um die Ecke herum und meinte, sie suche noch ein paar coole Typen für die Afterworkparty vom Weihnachtsmann und so, und er hätte mit seiner abgefahrenen, gepiercten Spitze so megamäßig den Style, der auf dem Event so angesagt wäre und so. Und morgen Abend so, nach der Bescherung, kommt der Rudolf mit dem dicken Schlitten vom Chef vorbei und holt ihn ab, wenn er so sonst noch nix vorhätte. Und dann würde die Krippe gerockt, bis die Geweihe wackeln.

Lasse versteht gar nicht so recht, was da gerade passiert ist, denn eigentlich ist er ein ziemlicher Partymuffel. Ein echter Stoffel sozusagen. Aber nun hatte er diesen Leuchtring schon um den Ast und Natascha schrieb ihn auf die Gästeliste der abgefahrensten Party zwischen Baumarkt und Fichtenwald. »Mit diesem Ring bringt Rudolf dich direkt zur VIP-Lounge…«

 

»Lass es weihnachten!!«, rief sie noch, und schon war Natascha wieder im Dunkel verschwunden.

Lasse schaut an sich herauf und ist der Meinung: Das ist Spitze! Also das mit der Spitze meint er, sei spitze, und hüpft dabei mit seinen Ästen hoch, dass ihm der Ständer wackelt. Dass ihm diese selbstgebastelte Spitze, die ihm so peinlich war, morgen den Heiligabend retten würde, wer hätte das gedacht? »Okay, cool bleiben Junge, du bist in der Band! Jetzt ist das volle Programm angesagt, und das heißt: Keine Party ohne Chicks! Lass es weihnachten, alter Finne!«


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Endlich ist Heiligabend gekommen. Es schneit in dicken Flocken. Die Wiese unter Karlheinz ist weiß und menschenleer. Die Mamas machen gehetzt letzte Einkäufe. Die Papas kaufen bei Natascha schnell noch das Weihnachtsgeschenk für die Mamas, und die Kinder warten Sandgebäck krümelnd und vor der Glotze geparkt ganz zappelig darauf, dass es endlich dunkel wird.

Lasse streckt seine Nadeln, und schaut erwartungsvoll zum Haus gegenüber, in die untere Fensterreihe.

»Ähem, sag mal Florentine, haste heut Abend schon was vor?«, säuselt Lasse lässig, durch den leise rieselnden Neuschnee.

»Ey Mann, Alter du nadelst, weißte? Ich hab hier noch drei Tüten Flüssigdünger, die zieh ich mir nachher auf einmal rein, das dröhnt mich ordentlich zu, und dann geht mir der ganze Zauber gehörig am Ast vorbei«, antwortet Florentine prompt in trotzig genervtem Tonfall.

»Ach, so… na ich dachte nur... weißt du, ich muss halt nachher noch zur Party vom Weihnachtsmann. Vielleicht hast du ja nen Zweig drauf mitzukommen?« Lasse ist von seiner eigenen Coolness selbst ein wenig überrascht.

»Willst du mich jetzt vernadeln, oder wie? Meinst du das ernst?«

»VIP-Lounge, Süße. Mein Style ist halt gefragt«, triumphiert Lasse.

»Wow, Lasse, echt? Da kommen doch die ganzen Modelfichten und Abke Brandt aus dem Schwarzwald legt dort auf!«, stammelt Florentine hörbar aufgeregt.

 

Lasse hat keine Ahnung, wer Abke Brandt ist. Und dieser Schwarzwald, das soll ja so eine moderne Megametropole mit ein paar Millionen Einwohnern sein. Er hat mal gehört, dass es da angeblich mächtig abgehen soll, so nachtlebenmäßig. Lasse kommt zum Schluss, dass ihm in der Baumschule doch einiges vom Leben da draußen vorenthalten wurde. Es ist Zeit, das nachzuholen.

 

»Okay, bis nachher dann! Rudolph holt uns gleich nach der Bescherung ab«, ruft er nach unten.

»Ich weiß gar nicht was ich anziehen soll«, tönt es nun, als hätte es so kommen müssen, aus dem Parterre.

»Zieh dein Leuchten an, das reicht voll und ganz«, entgegnet Lasse lässig.

»Ja, mache ich. Bis nachher, Lasse. Ich freue mich... sehr.«

 Florentines Stimme klingt in Lasses Gehörgang wie Engelsmusik. Zum ersten Mal hat sie ihn sogar bei seinem Namen genannt. Lasse strahlt über alle Zweige, sodass man glauben möchte, alle seine Kerzen würden selbst ganz ohne Stecker in der Dose brennen. Es ist zwar überhaupt nicht das Weihnachten, das er erwartet hatte, aber es ist eines, das noch viel schöner werden wird, als er es sich jemals hätte ausmalen können. Da ist sich Lasse jetzt ganz sicher.

 

 

 

Lass es weihnachten!


 

 

 

 

 

Wie? Das war doch nicht alles, oder?

Was passierte dann?

 

 

 

 

 Nun, eigentlich sind die wilden Partys vom Weihnachtsmann für alle Paparazzi strengstens tabu, schon allein wegen der ganzen Promis und so, aber ich konnte für Euch darüber trotzdem noch folgendes herausbekommen:

 

Im Fichtenwald, so habe ich gehört, erzählt man sich abenteuerliche Geschichten über eine von Lichterglanz durchflutete Versammlung. Dort konnte man Hunderte, ach was sage ich, Tausende von Nordmännern, Blaufichten und Edeltannen sehen, die sich in weißen, glitzernden Schneekleidern ihre Kerzen und Kugeln gezeigt haben. Mit ihren Glocken und Zapfen entfachten sie einen wilden, sieben Tage und Nächte dauernden, extatischen Tanz, der schließlich in einem gewaltigen Feuerwerk endete, welches selbst am Baumarkt und auch in der ganzen Stadt zu sehen war.

 

Man sagt weiterhin, sie haben ihren Trieben freien Lauf gelassen ...und Wurzeln geschlagen.